Witz über einen Muezzin: Türkische Behörden ermitteln gegen Pianist Fazıl Say

Das Regime Erdoğan zeigt sich von seiner schlimmsten Seite: Nun wird gegen den weltberühmten Pianisten ermittelt, weil er angeblich Witze über die Religion gemacht hat.

Aktuell: Ermittlungen gegen Fazil Say: Türkische Gerichte halten sich nicht an EU-Konvention

Der türkische Pianist Fazıl Say hat in der vergangenen Woche über Twitter eine Welle der Empörung bei den religiösen Fundamentalisten ausgelöst. Er retweetete Zeilen des persischen Dichters Omar Khayyam. Aufgrund einer Anzeige ermitteln nun die Behörden gegen ihn, wie die Zeitung Milliyet berichtet.

„Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?“, twitterte Say Anfang April. Während ihn viele Fans den bekennenden Atheisten unterstützten, beschimpften andere Say. Ob die Zeilen wirklich von Khayyam stammen, ist historisch nicht geklärt.

Fazıl Say blieb allerdings selbst auch nicht still und diskutierte heftig mit und twitterte unter anderem: „Der Muezzin trägt seinen Gebetsruf zum Abendgebet in 22 Sekunden vorgetragen. Prestissimmo con fuco!!! Warum diese Eile? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“. Doch, dass allein diese Äußerungen zu einer Anzeige führen könnten, hätte sich niemand denken können.

Am Donnerstag berichtete die Milliyet schließlich, dass die Istanbuler Staatsanwaltschaft aufgrund der Anzeige einer Privatperson die Ermittlungen gegen den weltbekannten Pianisten aufgenommen habe. Die Tweets, die er noch nicht einmal alle selbst verfasst hat, seien hetzerisch und würden „die Werte der Religion“ verletzen. Den Deutsch Türkischen Nachrichten wollte die Istanbuler Staatsanwaltschaft keine Erklärung zu den Ermittlungen abgeben. Damit ist offensichtlich, dass es wie immer geartete Ermittlungen gibt.

Mit der Aktion zeigen die Islamisten in der Türkei, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist. Das Recht auf freie Meinungsäußerung scheint in der Türkei von Recep Tayyıp Erdoğan noch nicht in der Form angekommen zu sein, wie sich das viele von der AKP versprochen hatten.

Dass gerade islamistische Bewegungen sehr aggressiv auf Ironie und Humor reagieren, hatte der dänische Karikaturen-Streit vor einigen Jahren gezeigt. Dass aber in der Türkei selbst nun einer der ganz großen Weltstars der Klassik wegen der Ausübung seines Menschenrechts unter Druck geraten kann, ist doch ein ziemliches Armutszeugnis. Mit solchen Aktionen entfernt sich die Türkei nicht nur von Europa, sondern von der gesamten kultivierten Welt.

Mehr zum Thema:

Sertab Erener unter Beschuss: Macht sie Werbung für die AKP?
Flaschenwurf? Starpianist Fazil Say und Ulrike Dufner geraten aneinander!
Fazil Say: „Erdogan war noch nie in einem Konzert oder in der Oper“

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.