Aus Angst um den Job: Türken tolerieren Mobbing am Arbeitsplatz

Wie eine Umfrage unter 316 Arbeitnehmern in zwölf türkischen Provinzen ergab, wird „Mobbing“, das hierbei als ein psychologisches Spiel der Mächtigen gegen die Schwachen definiert wird, aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes weitgehend akzeptiert. Ein Thema, das übrigens auch in Deutschland keine Randerscheinung ist. Mehr als 11 Prozent der Arbeitnehmer hierzulande wurde bereits damit konfrontiert.

Laut den Ergebnissen der türkischen „Mobbing Umfrage 2012“, würden die meisten Opfer zögern, bevor sie über das, was ihnen am Arbeitsplatz widerfährt, sprächen, da sie fürchteten, genau diesen verlieren zu können. Allgemein wird als Mobbing psychologischer Druck, emotionale Belästigung, oder eine Art moralische Gewalt am Arbeitsplatz bezeichnet, die von denen, die Macht haben, ausgeübt wird, um diejenigen einzuschüchtern, die schwächer sind.

Opfer können ihr Leid durch Mobbing konkret beschreiben

Die Umfrage, die gemeinsam von der ERA Research & Consultancy und der Futurebright Research durchgeführt wurde, konsultierte zu diesem Thema auch vier Anwälte und drei Personalexperten. Im Zuge dessen wird erläutert, dass es sich beim Mobbing um ein „psychologisches Spiel“ handle, das auf Einzelpersonen abziele und so deren Identität und Selbstvertrauen schwäche. Das Ergebnis: Sie selbst fühlen sich wertlos. Dieser Prozess des immer „kleiner“ werdens wird von den Mobbing-Opfern mit Metaphern wie „auseinander fallen“, „Gefängnis“, „zerfleischen“, „Hölle“ und „emotionale Attacke“ beschrieben. Gleichzeitig hegen alle Opfer ähnliche Gefühle, die sie mit „Hilflosigkeit“, „feststecken“, „Ungerechtigkeit“, „Leiden“, „Bedeutungslosigkeit“ und „Unzulänglichkeit“ benennen.

Im Gegensatz zu dieser starken und konkreten Wahrnehmung zeigt die Umfrage auf der anderen Seite aber auch, wie abstrakt und unbestimmt die Definition von Mobbing aus Sicht der Opfer eigentlich ist. Mit Blick auf die Befragung ergibt sich kein klares Bild darüber, welches Verhalten genau als Mobbing bezeichnet werden könnte und welches nicht. Doch genau dieser Umstand, dass es eben kein klares Konzept von Mobbing gibt, so konstatiert die Studie, könnte sich als negatives Ergebnis sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber auswirken. Denn zur gleichen Zeit würden etwa Konzepte wie Diskriminierung, sexuelle Belästigung oder Bedrohung in den Betrieben nicht selten mit Mobbing verwechselt bzw. sogar als Mobbing definiert (insgesamt sollte der Zustand der türkischen Wirtschaft mit Argusaugen beobachtet werden. Auch sie ist vor einer Krise nicht gefeit – mehr hier).

Täter führen ihre Mobbing-Attacken subtil aus

Die von ERA Research & Consultancy und der Futurebright Research befragten Experten kommen zu dem Schluss, dass Mobbing die meiste Zeit über im Verborgenen stattfindet. Täter würden ihren „Angriff“ durch den Ton ihrer Stimme, die Körpersprache, aber auch durch Mimik und Gestik starten. Die Crux: Das Opfer könne das später nicht konkret nachweisen.

Zehn Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, Mobbing in ihrem direkten Arbeitsumfeld erlebt zu haben, sechs Prozent erklärten, dass einigen Verwandten von ihnen so etwas widerfahren wäre. „Zu den häufigsten Arten von Mobbing gehört Einschüchterung, Zermürbung, die Zuweisung von mehr Arbeit als die Mitarbeiter in der Lage sind zu leisten, Demütigung und Diffamierung. Die Opfer sind der Ansicht, dass sie kaum eine Chance haben, dem zu entgehen und nur begrenzte Möglichkeiten hätten, dagegen vorzugehen. Sie zögern darüber zu sprechen, da sie ihren Job nicht verlieren wollen. Die Folge, sie passen sich an und versuchen im Arbeitsprozess zu überleben“, beschreibt die Umfrage die prekäre Situation (dennoch gibt es gerade in London einen Boom auf Türkischkurse. Das Ziel der Teilnehmer, einen Job auf dem türkischen Arbeitsmarkt – mehr hier).

Türkei: Mobbing per Gesetz nicht klar definiert

„Wenn das Mobbing zunimmt, dann neigen die Opfer dazu die Situation eher mit denjenigen zu teilen, die ihnen das zufügen und erzählen ihnen von ihren Beschwerden.“ Wer hingegen bereit wäre das Risiko des Jobverlustes einzugehen, um Alternativen wisse und Zeugen hätte, die von der Situation wüssten, hätte es um einiges leichter mit Mobbing fertig zuwerden (das internationale Business-Netzwerk Xing zieht sich derweil aus der Türkei zurück – mehr hier). Das spiegelt sich auch in den Erfahrungen der befragten Anwälte wider. So würden viele erst vor Gericht gehen, wenn sie ihren Arbeitsplatz bereits verloren hätten. Erst dann würden sie sich ihrer Rechte bewusst werden. Doch dabei, so wird deutlich, ergibt sich eine weitere Schwierigkeit. Denn Mobbing, so geben die Anwälte weiter Auskunft, sei nicht nur in der Wahrnehmung, sondern auch per Gesetz nicht eindeutig definiert. Vor Gericht würden sie meist als Wiedereinstellungsklagen behandelt und nicht unter dem Aspekt des Mobbings. Tendenziell würden die Fälle jedoch meist zu Gunsten der Mitarbeiter ausgehen.

Kein spezielles Mobbing-Schutzgesetz in Deutschland

Die momentanen Schätzungen für die Zahl der Mobbingbetroffenen in Deutschland belaufen sich auf über 1.000.000 Erwerbstätige, das sind 2,7 % Prozent. Auch in Deutschland ist Mobbing am Arbeitsplatz kein Straftatbestand. Einzelne Mobbinghandlungen sind allerdings strafbar und können auch zur Anzeige gebracht werden, zum Beispiel, wenn Körperverletzung im Spiel ist. Hierzulande unterliegt Mobbing am Arbeitsplatz jedoch einer besonderen gesetzlichen Kontrolle. Die Arbeitgeber stehen in der Pflicht, ihre Arbeitnehmer vor psychischer Belastung zu bewahren. Zwar gibt es kein spezielles Mobbing-Schutzgesetz, doch durch das Arbeitsschutzgesetz, ergeben sich dennoch einige Schutz- und Handlungsmöglichkeiten. So kann Mobbing zu einer fristlosen Kündigung des Täters führen. Auch hierzulande besteht jedoch die Crux des Nachweises und die Angst von Opfern und Zeugen sich gerade vor Gericht zu offenbaren. Eine zusätzliche Belastung ergibt sich meist durch lange Verfahrensdauern.

In Deutschland gibt es zur Situation eine umfangreiche Untersuchung, die bereits 2002 im Rahmen eines Forschungsprojektes der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) erstellt und in „Der Mobbing-Report – Eine Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland“ zusammengefasst wurde. Darin gaben 2,7 Prozent der 2005 Befragten im Alter zwischen 18 und 65 Jahren an, aktuell, das heißt konkret im Befragungszeitpunkt, von Mobbing betroffen zu sein. 11,3 Prozent der Befragten – also etwa jede neunte Person – konnten bestätigen, während ihres Arbeitslebens schon einmal „gemobbt“ worden zu sein. In mehr als 50 Prozent der Fälle, so das Ergebnis der Untersuchung, ging Mobbing von Führungskräften aus oder findet unter ihrer Mitwirkung statt.

Hier geht es zum türkischen Report.

Hier findet sich der deutsche Report.

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