Lamya Kaddor: „Deutschland kann es sich nicht leisten, auf muslimische Fachkräfte zu verzichten“

Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor kritisiert im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten das Verhalten vieler Politiker in Deutschland. Aus Wahlkampfgründen würden diese "Politik auf dem Rücken aller Muslime" machen.

Die mangelnde Anerkennung von Muslimen und ihre geringeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt können bei vielen zum Entschluss führen, Deutschland den Rücken zu kehren. Denn oftmals haben sie gerade im Ausland doppelt so viele Chancen. Auch die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Kaddor sieht immer wieder, wie es diesen Menschen andernorts besser geht. „Wenn zum Beispiel Menschen mit türkischer Herkunft in die Türkei auswandern, bringen sie doppelte Kompetenzen mit. Sie können Deutsch und Türkisch und kennen beide Kulturen, was dort geschätzt wird“, so Kaddor. Ähnlich ergehe es ihnen in Ländern wie den USA oder Großbritannien, wo die Einschränkungen nicht so erheblich seien (die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan kritisiert die Benachteiligung von Jugendlichen aufgrund ihres Migrationshintergrunds – mehr hier).

„Kauder macht Politik auf dem Rücken der Muslime“

Sie stimmt auch der Aussage des Berichts zu, dass gerade Politiker einen erheblichen Anteil an der Diskriminierung haben. Auf der Jagd nach Stimmen schüren ganze Parteien in Europa Ängste ihrer Bevölkerungen vor dem Islam. Dabei sind diejenigen, die sich auf diese Politik einlassen, meist jene, die Muslime lediglich aus solchen Schilderungen kennen. Angesichts der Koranverteilung von Salafisten in Deutschland hat sich das Kaddor zufolge erneut gezeigt. Zwar hat auch sie Schwierigkeiten mit den Verteilern, doch glaubt sie, dass der Koran an sich keine Gefahr bedeute. „Wenn Volker Kauder im Zuge der Debatten über diese Aktion erklärt, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, dann macht er damit Politik auf dem Rücken aller Muslime“, sagt sie.

„Es gibt zwar Gesetze, die Menschen vor der Diskriminierung wegen ihrer Religion schützen sollen. Das eigentliche Problem scheint aber die Umsetzung zu sein“, so Kaddor. „Abschreckend und irritierend“ sei die Ablehnung von Bewerberinnen nur aufgrund eines Kopftuchs. Vielleicht könne man das noch irgendwie bei Lehrern verstehen, „wobei auch hier das Tragen anderer religiöser Symbole nicht verboten ist“. Doch für das Argument der Abschreckung bei anderen Berufsgruppen wie Anwälten oder Ärzten habe sie „überhaupt kein Verständnis“.

Erst vor kurzem sei sie in einer Apotheke am Düsseldorfer Bahnhof  auf eine Pharmazeutin gestoßen, die ein Kopftuch getragen habe: „Das signalisiert der Bevölkerung Normalität und ist zugleich ein Zeichen von wachsender Toleranz im Alltag. Das empfand ich als sehr angenehm. Fachlich tut es ja nun nicht zur Sache, ob da jemand sein Haupt bedeckt oder nicht. Man muss Frauen, die sich für ein Kopftuch entscheiden, die Möglichkeiten geben, sich zu bewähren“.

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