Lebensmittel-Imitate: Türkische Verbraucher müssen bewusster einkaufen

Günstige Produkte um jeden Preis, das rächt sich, sagt der Vorsitzende der Istanbuler Lebensmittelhersteller Vereinigung. Die Verbraucher sollten dringend ihre Gesundheit über die Schnäppchenjagd stellen und vor allem auf gefälschte Produkte achten.

Frisch und 100 Prozent rein? Nicht immer erhalten Verbraucher das, was sie eigentlich wollen. (Foto: gsz/flickr)

Frisch und 100 Prozent rein? Nicht immer erhalten Verbraucher das, was sie eigentlich wollen. (Foto: gsz/flickr)

Türkische Konsumenten müssen, laut dem Vorsitzenden der Istanbuler Lebensmittelhersteller Vereinigung (İYSAD), eine aktivere Rolle dabei spielen, skrupellose Lebensmittelproduzenten daran zu hindern, bei ihren Produkten zu mogeln. Eine gesunde Mahlzeit, davon ist er überzeugt, muss mehr als 4,5 Lira kosten (in den USA führte der britische Star-Koch Jamie Oliver live im TV vor, wie die Hersteller „panschen“ – mehr hier).

Firmen, die behaupten, sie würden 100 Prozent Rindfleisch für ihre Produkte verwenden, wurden, so Sadık Çelik in einer kürzlichen Pressekonferenz, dabei ertappt, wie sie stattdessen Geflügel benutzten. Darunter seien auch bekannte Unternehmen gewesen, die das Landwirtschaftsministerium dabei erwischt hätte wie sie Organe oder Einhufer wie Pferde in ihren Würsten oder anderen Produkten verarbeitet hätten.

Verbraucher müssen sich weigern Lebensmittelschrott zu kaufen

Solche Schwindel, so heißt es in der entsprechenden Mitteilung, würden oft in Kantinenessen entdeckt. Es wird behauptet, dass man Rindfleisch genutzt hätte, stattdessen sei jedoch Putenfleisch und sogar Soja gefunden worden. Çelik warnt, dass Verbraucher ihre Gesundheit zur obersten Priorität machen sollten, anstatt zu sparen, indem man ein billiges Essen zu sich nehme. „Wenn sich die Verbraucher weigern würden diese Produkte zu kaufen, dann würden diese betrügerischen Fabrikanten sie auch nicht an den Mann bringen können“, so der İYSAD-Vorsitzende weiter (die Türkei möchte nach dem Vorbild der EU die Nahrungsmittelsicherheit stärker überwachen, mehr hier). Letztlich könne man keine gesunde Mahlzeit aus vier Komponenten zu sich nehmen, die 4,5 Lira kostet. Eine solche Mahlzeit wird mit nicht weniger als acht Lira zu Buche schlagen.

Am 13. April entdeckte das Ministerium eine ganze Reihe von Unternehmen, die Geflügel in Produkten aus rotem Fleisch verwendeten, darunter auch die bekannte Marke Apikoğlu Spicy Kangal Sucuk. Apikoğlu versucht die Mischung der Fleischsorten auf seiner Webseite damit zu erklären, dass man für die Herstellung verschiedener Produkte die gleichen Maschinen verwendet hätte. Als Konsequenz, so teilt das Unternehmen mit, werde man nun in neue Gerätschaften investieren, um sicherzustellen, dass Produkte aus weißem und rotem Fleisch künftig strikt voneinander getrennt blieben.

Untersuchung von Produkten und Betrieben angestiegen

In der Türkei gibt es solche „Pansch-Skandale“ nicht zum ersten Mal. Nur allzu gut dürfte der Öffentlichkeit der Fall um Honig-Produzenten in Erinnerung sein, die fälschlicherweise behaupteten ihr Honig sei 100 Prozent organisch und hätte heilende Eigenschaften. Auch das Vertrauen in Olivenöl ist erschüttert. Wie das türkische Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft mitteilt, seien in den vergangenen zehn Jahren die Untersuchungen von Lebensmitteln und Betrieben um 900 Prozent gestiegen. Wie aus den Daten des Ministeriums hervorgeht, wurden 2002 39,646 Produkte geprüft. Im Jahr 2011 waren es dann schon ganze 400,435. Allein von Januar bis März dieses Jahres gab es 83,000 Untersuchungen von Lebensmittelherstellern. Diejenigen, die gegen die Lebensmittelbestimmungen verstoßen haben, mussten 2,564 Lira Strafe zahlen. Gegen 44 Betriebe wurde sogar Anklage erhoben. Im vergangenen Jahr landeten 329 Produzenten wegen Lebensmittel-Verstößen vor Gericht.

Doch nicht nur verfälschte Lebensmittel bereiten den Verbrauchern Sorge. Die Lebensmittelunsicherheit schwappt zuweilen bis nach Deutschland: Erst vor kurzem brachte eine Greenpeace-Auswertung ans Licht, dass türkisches Obst, das in die Bundesrepublik importiert wurde, besonders belastet sei. Zwar wurden die Vorwürfe der Umweltorganisation vom türkischen Landwirtschaftsminister Mehdi Eker scharf zurückgewiesen (auch die Folgen des Milch-Skandals versuchte der Minister mit dem Verzehr eines Glas Milchs wegzulächeln – mehr hier). Doch die Ergebnisse, die Produkte aus über 80 Ländern umfasste und im Ratgeber „Essen ohne Pestizide“ zusammengefasst wurden, sprechen eine andere Sprache. So wurde eine gesundheitsgefährdende Konzentration von Pestiziden besonders häufig in Paprika, Birnen und Tafeltrauben aus der Türkei gefunden (der Minister sprach von „Verleumdung“ – mehr hier). In den Tafeltrauben fand sich gar ein „atemberaubender“ Mix aus 24 verschiedenen Pestiziden.

Gammelfleisch und Co.: Auch Deutschland hat Erfahrung

Auch Deutschland hat „Erfahrung“ in punkto Fleisch. Noch heute, sieben Jahre später, löst zum Beispiel das Stichwort „Gammelfleisch“ ein Schauern bei vielen Verbraucher aus. Damals, im November 2005, wurden 131 Tonnen Rind- und Putenfleisch in NRW, Niedersachsen und Hamburg sichergestellt. Der verantwortliche Fleischhändler aus Gelsenkirchen wurde seinerzeit wegen gewerbsmäßigem Betrug und Verstoß gegen das Lebensmittelrecht auf Grund von nachgewiesenem in Umlaufbringen von rund 400 Tonnen Gammelfleisch zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. In der gleichen Zeit kuriserte auch das Thema „Umetikettierung“ in den Medien, womit abgelaufenes oder bereits verdorbenes Fleisch wieder in den Handel gebracht wurde. Weitere Skandale, darunter auch mit Dönerfleisch, folgten.

Ebenso präsent ist hierzulande das Thema Lebensmittel-Imitate. Bereits 2009 forderten Union und Grüne den Verbraucherschutz zu verbessern. Anlass war damals eine Liste der Verbraucherzentrale Hamburg, worin Imitate, wie zum Beispiel Schokokekse ohne Schokolade aufgezählt waren. In diesem Zusammenhang machten auch Begriffe wie „Analogkäse“ oder „Formschinken“ die Runde. Die Verbraucherbeauftragte der Unionsfraktion, Julia Klöckner forderte damals: Bei Imitaten müsse „auch draufstehen, dass es sich um Imitate handelt“. Ein Jahr später dann ein Vorstoß von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CDU). Ihre Vorstellung: eine verbindlich Kennzeichnung in der gesamten EU. Eine Regelung, die im September 2011 endlich beschlossen wurde. Diese sehen auch vor, dass Lebensmittel-Imitate mit Hinweisen wie “aus Fleischstücken zusammengefügt” oder “aus Fischstücken zusammengefügt” kenntlich gemacht werden müssen.

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