Kranke Schüler: War es verdorbene Milch oder Laktoseintoleranz?

Auch zwei Tage, nachdem rund 300 türkische Schüler mit Bauchschmerzen und Erbrechen ins Krankenhaus gebracht werden mussten, reißt die Debatte um die kostenlose Milchverteilung an türkischen Schulen nicht ab. Während einige Offizielle auf dem Standpunkt beharren, es handle sich bei den Krankheitsfällen um Laktoseintoleranz. Sagen einige Ärzte, dass das Trinken dieser Menge Milch lediglich zu Bauchschmerzen führe würde.

Nachdem sich am vergangenen Donnerstag weitere Kinder nach dem Genuss von Milch in Behandlung begeben mussten, wurde von Regierungsseite erklärt, dass man die Milch-Verteilung auf Grund „zweifelhafter Qualität“ erst einmal stoppen würde, die bisherigen Fälle allerdings auf Laktoseintoleranz zurückzuführen seien (die türkischen Cyberaktivisten RedHack hatten am Donnerstag die Seiten zahlreicher Unternehmen attackiert – mehr hier).

Regierung stoppt kostenlose Milch-Verteilung

„Wir haben Milchproben genommen und diese werden nun analysiert. Wir haben die Verteilung von Milch mit zweifelhafter Qualität in mehreren Städten gestoppt. Gestern hatten wir rund 4.000 Kinder mit Beschwerden und bei keinem von ihnen wurde eine Vergiftung diagnostiziert“, so Landwirtschaftsminister Mehdi Eker (er wies auch Vorwürfe von Greenpeace zurück, wonach türkisches Obst und Gemüse belastet sei – mehr hier).

Laut Ansicht des Stellvertretenden Ministerpräsidenten Bülent Arınç sei es nun erforderlich, festzustellen, ob die Erkrankung der Kinder durch psychische oder medizinische Gründe ausgelöst worden sei. Die Ergebnisse sollten dann öffentlich gemacht werden. Die Verteilung der Milch, so fügte er hinzu, solle überwacht werden. „Die [fraglichen] Mengen sind sehr groß. Wir sollten äußerst vorsichtig dahingehend sein, ob sich darunter verdorbene Milch befand. Ich glaube, dass das Ministerium nach diesen Vorfällen transparenter und verantwortlicher vorgehen wird“, so Arınç weiter.

Allein am vergangenen Donnerstag wurden mehr als 100 Kinder mit dem Verdacht auf Lebensmittelvergiftung in mehreren Städten in der Türkei ins Krankenhaus eingeliefert. „Unsere ersten Daten zeigen, dass die Vorfälle von [Milchzucker] Intoleranz verursacht wurden“, so Gesundheitsminister Recep Akdağ. „Unter den Kindern wurden gut 7,2 Millionen Milchtüten verteilt. Laktoseintoleranz löste bei einigen von ihnen eine Reaktion aus. Das hat nichts mit einer Vergiftung durch Milch zu tun“, eklärt auch İrfan Erol, Leiter des Direktorats für Lebensmittelkontrolle im Landwirtschaftsministerium.

Kinder hätten schon bei erstmaligem Genuss reagieren müssen

Allerdings, darauf weist Gül Kızıltan, Ernährungswissenschaftlerin an der Universität von Başkent, hin, reiche eine Laktose-Unverträglichkeit nicht aus, um diese Menge an Krankheitsfällen unter den Schülerinnen und Schülern zu erklären. „Das ist eigentlich nicht möglich. Denn selbst wenn die Kinder erst einmal in ihrem Leben Milch getrunken hätten, hätte ihr Körper reagiert, wenn sie eine Lactose-Intoleranz gehabt hätten“, ist Kızıltan überzeugt. „Wenn jemand genetische Unverträglichkeit gegen Laktose hat und trinkt dann 200 ml Milch, wird er nicht unbedingt ins Krankenhaus eingeliefert. Er leidet dann nur an Bauchschmerzen. Forschungen zeigen, dass die Hälfte aller Erwachsenen in Europa eine Unverträglichkeit gegenüber Laktose haben, aber deshalb nicht ins Krankenhaus müssen“, so auch Özlem Durmaz aus der Kinder-Gastroenterologie-Abteilung im Istanbuler Memorial Krankenhaus.

Unterdessen erntet die AKP für ihre Reaktion auf die Ereignisse Spott von Muharrem İnce, stellvertretender Chef der CHP. Er ist überzeugt, dass von der Aktion nicht mehr viel übrig bleibt, außer: „Ich bin sicher, sie werden sich in eine Ecke stellen und behaupten, dass die Schulleitung, Hunger und die Familien schuld sind.“ Darüber hinaus wäre es sinnvoll die Öffentlichkeit wissen zu lassen, ob die Milch zu den vorab festgelegten Bedingungen erhalten wurde.

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