„Ateşin Düştüğü Yer“: Thema Ehrenmord erneut im türkischen Kino

„Ateşin Düştüğü Yer“ erzählt von Ehrenmorden. Morden, wie sie in der Türkei jeden Tag geschehen. Mit Hilfe der Kampagne "Gewalt gegen Frauen", die von einer türkischen Zeitung gestartet wurde, ist die Problematik seit 4. Mai dieses Jahres unter einem verschärften Blickwinkel im Kino zu sehen.

Die Zahlen, die von türkischen Organisationen und Medien veröffentlicht werden, sind erschreckend. Ihnen zufolge wurde im vergangenen Jahr täglich eine Frau von einem Familienmitglied, Ehemann, Ex-Ehemann oder Partner in der Türkei getötet. Das Bild, das die Regierung zeichnet ist noch düsterer: Demnach haben sich die Taten in den letzten zehn Jahren sogar mehr als verzehnfacht. Waren es 2002 noch 66 Fälle, wurden in den letzten zwei Jahren jeweils etwa 1000 Morde pro Jahr registriert. Tausende, so fasst die türkische Tageszeitung „Hürriyet“ zusammen, seien Opfer dieses kulturellen und gesellschaftlichen Widerspruchs, dem „Ehrenmord“ (in Istanbul ist die Rate der Gewalttaten gegen Frauen mittlerweile am höchsten in der gesamten Türkei – mehr hier).

„Ehrenmorde“, so heißt es weiter, „sind seit jeher ein großes Problem in der Türkei, vor allem in den ländlichen Gebieten der östlichen und südöstlichen Türkei (viele Mädchen werden so auch in die Arme der PKK getrieben – mehr hier).“ Bis vor kurzem spielte den Tätern sogar das türkische Recht in die Hände. Oftmals kamen sie viel zu milde davon, wenn sie etwa eine „Provokation“ geltend machten. Dank NGOs, die sich den Rechten von Frauen verschrieben haben, der ständigen Thematisierung in den Medien und den Bemühungen der Türkei in die Europäische Union aufgenommen zu werden, werden Ehrenmorde in der Türkei weitestgehend geächtet und führen heute teils zu lebenslangen Haftstrafen für diejenigen, die sie verübt haben.

„Ateşin Düştüğü Yer“ vereint Täter- und Opfer-Perspektive

Obschon sich die Sichtweise der Gesellschaft und der Justiz gewandelt hat, scheint das die Täter jedoch nicht aufzuhalten. Denn die Bedrohung für Frauen und auch Männer in der Türkei reißt nicht ab. „Dank Kampagnen und einer Reihe von Filmen, die im vergangenen Jahr dazu in die Kinos kamen, ist es zumindest gelungen, Ehrenmorde von einer akzeptierten Praxis in eine Kulturschande zu verwandeln“, so die türkische Zeitung weiter. In der vergangenen Woche kam nun „Ateşin Düştüğü Yer“ in die türkischen Kinos. Es ist ein erschütternder Blick auf die mittelalterliche Tradition der Ehrenmorde – und zwar aus beiden Perspektiven: Sowohl aus der Sicht des ahnungslosen Opfers als auch der Familie, die bereit ist,  ihrer Tochter kaltblütig das Leben zu nehmen (selbst die Polizei kann manchmal nicht davor schützen – mehr hier).

Zu Beginn des Films wird die 17-jährige Ayşe (Elifcan Ongurlar) ins Krankenhaus eingeliefert. Dort findet ihre Familie heraus, dass sie nicht nur ein schwaches Herz hat, sondern obendrein auch noch schwanger ist. Wie es der Tradition in ihrer Familie gebührt, wird ein „Familienrat“ von den Ältesten und den Männern in der Familie einberufen, um über das Schicksal der jungen Frau, die den Namen der Familie beschmutzt hat, zu entscheiden. Das „Urteil“ ist einstimmig: Ayşe soll sterben. Der Patriarch der Familie Osman (Hakan Karahan), der inklusive Ayşe fünf Kinder hat, wird die Aufgabe zuteil, seine eigene Tochter zu ermorden.

Die junge Frau sträubt sich hartnäckig den Vater ihres Babys zu verraten und Osman nimmt seine Tochter mit auf eine Reise ins südwestlich gelegene Konya. Ausgerechnet jenen Ort, der ironischerweise auch noch als Heimat des Sufi-Mystikers Rumi gilt, eine Figur aus dem 13. Jahrhundert, die als Symbol für Akzeptanz, Mitgefühl, und bedingungslose Liebe gilt.

Aktueller Film erinnert an Kinoerfolg „Mutluluk“

Der Film erzählt die Geschichte wie eine Art Road Movie, in dem die gegensätzlichen Kräfte der Liebe zu einem Kind und einer Dringlichkeit, diejenige, die unverzeihlich Schande über die Familie gebracht hat zu töten – eine Aufgabe, die Osman schier auseinanderreißt. Auf ihrer Reise haben Vater und Tochter erstmals Gelegenheit, sich wieder anzunähern. Erst hier sieht Osman seine Tochter erstmals auch als Frau.

„Ateşin Düştüğü Yer“ ist der letzte Teil einer Trilogie, in welcher der Schriftsteller und Drehbuchautor İsmail Güneş gesellschaftliche Tragödien wie Folter oder systematische Gewalt des Staates gegen seine Bürger, aber auch persönliche Tragödien wie zerrüttete Familien und Krebs auf den Grund geht. Viele, so schreibt die „Hürriyet“, werde der Film an „Mutluluk“ aus dem Jahr 2007 erinnern. Unter der Regie von Abdullah Oğuz wurde die Romanadaption von Zülfü Livaneli zu einem echten Kinoerfolg. Auch hier gingen Henker und Opfer auf eine ungewöhnliche Reise, auf der sie sich selbst entdeckten. Schon damals zeigte der Streifen, dass die Vorstellung eines Ehrenmords für Frauen als auch Männer eine beängstigende Sache sein kann.

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