Armenische Sängerin Nune Yesayan in Istanbul: „Unsere Herzen sind weit geöffnet“

An diesem Freitagabend ist es soweit: Erstmals wird die armenische Sängerin Nune Yesayan eine Bühne in Istanbul betreten. Dieses Konzert, so sagt sie selbst, war einer der größten Träume des getöteten Journalisten Hrant Dink. Dennoch ist sei sie nervös, welche Reaktionen sie wohl ernten werde.

Punkt 20.00 Uhr an diesem Freitagabend richten sich im Lütfi Kırdar Kongre ve Sergi Sarayı nicht nur sämtliche Scheinwerfer, sondern auch unzählige türkische Augenpaare auf Nune Yesayan. Die Künstlerin lässt sich nicht abhalten. Inmitten anhaltender politischer Spannungen zwischen der Türkei und Armenien will sie die Botschaft der Freundschaft übermitteln.

„Ja, die Grenzen sind politisch gesehen geschlossen, aber unsere Herzen sind offen. Ich glaube nicht, dass es in der Musik Grenzen gibt“, so  Yesayan, die bereits eine ganze Reihe internationaler Konzerte gegeben hat, gegenüber den türkischen Medien. Unumwunden gesteht sie, weder die Türkei, Türken, oder die Armenier von Istanbul zu kennen. Sie sei nervös, welche Reaktionen ihr Auftritt ernten werden (im Völkermord-Streit bat Egemen Bağış Deutschland um Hilfe – mehr hier).

Nune Yesayan will Istanbul näher kennen lernen

Doch das wolle sie jetzt ändern: „Ich werde für vier weitere Tage in Istanbul bleiben. In meinem Kopf habe ich ein Bild von Istanbul. Entweder werde ich das nun finden ober aber völlig überrascht werden, ich weiß es nicht.“ Wie für fast alle Touristen, so stehen auch für sie die Hagia Sophia und der Topkapi-Palast ganz oben auf der Liste. So oder so hätte ihr erstes Konzert in Istanbul eine immense Bedeutung für sie.

Yesayan ist im Vorfeld häufig von der armenischen Presse gefragt worden, ob sie irgendwelche Ängste hätte in die Türkei zu reisen. Die Sängerin selbst sieht ihre Person dabei jedoch gar nicht so sehr im Vordergrund. Es scheint vielmehr eine Art Mission: Immerhin sei ein solches Konzert der größte Traum von Hrant Dink, einem türkisch-armenischen Journalisten, der am 19. Januar 2007 vor seinem Büro in Istanbul ermordet wurde, gewesen. „Ich bin in Istanbul, um diesen Traum zu verwirklichen.“ (Armenier in Istanbul fühlen sich heute besser respektiert als noch vor fünf Jahren – mehr hier)

Armenisch-türkische Verständigung durch die Musik

Ohnehin gehöre die Zeit der Feindschaft für sie der Vergangenheit an. Die neue Generation würde nicht mehr so wie die alte denken, ist sie überzeugt. „Ja, es gibt große Narben unter den Armeniern in Bezug auf den Völkermord, doch das hindert uns nicht daran, unseren Blick nach vorne zu richten“, so Yesayan. Den Traum von Dink will sie übrigens weiter träumen: Ein gemeinsames Konzert von türkischen und armenischen Künstlern, das einer friedlichen Zukunft gewidment ist und das sowohl in der Türkei als auch in Armenien stattfinde, das ist das, was sie gerne verwirklicht sehen möchte. Das wäre für sie ein „wahrer Sieg“.

Bereits vor einigen Jahren gab es bereits ein Angebot der jüdischen Community mit der türkischen Künstlerin Hülya Avşar aufzutreten. Damals lehnte sie ab. Warum, das macht sie nun noch einmal deutlich. „Natürlich wäre ich gerne bei  einem solchen Konzert erschienen, aber warum sollte die jüdische Gemeinde als Mediator zwischen zwei benachbarten Ländern wie der Türkei und Armenien fungieren? Das war etwas, was ich nicht akzeptieren konnte. Ich glaube nicht, das wir auf Mediatoren setzen sollten.“

Mit Sorge blickt die Künstlerin auch auf den türkisch-armenischen Konflikt, der zuweilen über die Identität und Herkunft gemeinsamer Lieder entbrennt. Ihrer Ansicht nach wären diese Lieder kein Eigentum – von niemandem. Doch nicht nur das ist ihr ein Dorn im Auge: „Was mich am meisten schmerzt sind die anstößigen Aussagen, die gegen uns [Armenier] gemacht werden. Weder die Türken noch irgendeine andere Nation der Welt, nicht nur unsere, müssen die Verwendung einer solch widerwärtigen Sprache akzeptieren.“

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