Rauf Ceylan: Salafisten in Deutschland stellen sich gegen islamische Traditionen

Die Salafisten wollen einen Islam der sich ausschließlich an der Zeit seiner Entstehung orientiert. Moderne Auslegungen lässt er nicht zu, erklärt Religionswissenschaftler Prof. Rauf Ceylan im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. Ist man erstmal Teil der Gruppierung, sei es wie in einer Sekte schwer, diese wieder zu verlassen. Das wichtigste sei deshalb die Prävention.

Orthodoxe Konservative zeichnen sich beispielsweise dadurch aus, dass sie gelebte Traditionen und Kulturen akzeptieren. Ganz im Gegensatz zu Fundamentalisten, die ja, wie das Wort schon sagt, zu den Fundamenten zurückkehren möchten. Außerdem hat die salafistische Bewegung ein ganz bestimmtes Weltbild. Es ist schwarz-weiß polarisiert. Sie beanspruchen für sich selbst das Interpretationsmonopol. Ihr Textverständnis ist primär wortwörtlich. Metaphorische Ableitungen oder Interpretationen werden nicht erlaubt.

Sie sagten, der Salafismus sei eine sehr alte Strömung. In Deutschland ist sie aber vor allem in den vergangenen Jahren in Erscheinung getreten. Wie kommt das?

Im 19. Jahrhundert kam es zu der Auseinandersetzung mit Europa. Die naturwissenschaftlichen Revolution, industrielle Revolution – Europa erschien plötzlich als Übermacht, als Kolonialherren. Das hat die Frage aufgeworfen, woran es liegt, dass die islamische Welt so rückständig geworden ist. Es hat verschiedene Reaktionen gegeben. Die einen haben gesagt, es liege daran, dass sie sich vom wahren Islam distanziert haben. Man müsse wieder so leben, so denken und auch wieder die Religion so praktizieren wie die Vorfahren – das führt zu einem Automatismus.

Auf der anderen Seite gab es Intellektuelle, die sich sich mit dem Westen sehr gut auskannten. Diese haben genau das gleiche gesagt aber den Spieß umgedreht: ‚Im Grunde genommen sind wir gar nicht rückständig. Menschenrechte gab es im Islam immer, auch Frauenrechte hat der Prophet Mohammed eingeführt‘. Sie gingen mit der Problematik ganz anders um, obwohl Sie sich auch auf das „Goldene Zeitalter“ berufen haben. Durchgesetzt haben sich beide Richtungen, wobei die Salafisten wie gesagt als fundamentalistische Strömung, die Texte nach wie vor wortwörtlich verstehen. Sie hat es schon immer gegeben. Sie war jedoch zugleich immer ein Randphänomen, weil ihr die soziale Basis gefehlt hat.

Und in Deutschland?

Durch die islamische Einwanderung sind alle Strömungen alle Bewegungen, mittlerweile die ganze Palette in Deutschland vertreten. Das war alles noch im Prozess und hat sich alles neu entwickelt. Außerdem sind in den vergangenen Jahren vermehrt populäre Prediger aufgetreten. Es gab ja bisher kaum populäre Prediger, die in deutscher Sprache aufgetreten sind, die das Internet nutzen. Im Vergleich zu anderen haben sie eine ganz andere Qualität gewonnen, indem sie alle Kommunikationskanäle nutzen können. Es gibt nicht mehr nur die face-to-face Gespräche, sondern auch Internet, das ein wichtiger Punkt für junge Leute.

Zu der Popularität der vergangenen Jahren gehört jedoch auch der mediale Diskurs, das verstärkt die Sache noch. Die Koranverteilung wäre niemals so populär geworden, ein Abou Nagie wäre niemals so populär geworden, wenn die Medien nicht so intensiv und ausführlich über die Gruppierung berichtet hätten.

Dadurch haben die Salafisten auch wieder die Opferrolle inne, weil sie nun gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Damit sind die Salafisten wiederum als Protestbewegegung, als Gegenkultur sehr interessant für junge Menschen. Somit nimmt das alles eine Eigendynamik an.

Es scheint, als seien die populären deutschen Prediger plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht…

Da muss sich Deutschland auch an die eigene Nase fassen. 4,2 Millionen Muslime, über 900.000 muslimische Kinder und Jugendliche an Schulen. Das hat auch etwas mit der Integrationspolitik in Deutschland zu tun. Man hat den Islamunterricht nicht ernstgenommen, nicht wahrgenommen, dass es Zentren für Islamstudien, Islamische Theologie von Muslimen für Muslime geben muss und nicht einfach nur Islamwissenschaften an den Universitäten.

Das hat man alles vernachlässigt. Und was ist passiert? Die jungen Leute, die studieren wollten, haben sich selbst überlegt, wo sie hingehen. In der Regel wollte man auch Arabisch lernen. Saudi-Arabien war sicherlich auch ein Ziel und dort hat man dann natürlich auch von der salafistischen, der wahabitischen Strömung gelernt. Viele populäre Prediger haben Kontakt zu der fundamentalistischen Bewegung gehabt oder haben dort ein Grundstudium erhalten.

Wie sieht es mit der finanziellen Unterstützung aus?

Die Salafisten gehören nicht zu den reichsten Gemeinden. Aber es gibt sicherlich immer Geld für irgendwelche Publikationen, z.b. wie die Koranverteilung. Es ist auch kein Geheimnis, dass Geld aus dem Ausland kommt, aber das muss nicht direkt vom saudischen Staat kommen. Zum Teil sind das wohlhabende Einzelpersonen, Stiftungen. Über diese Prozesse sind die deutschen Behörden sehr gut informiert.

Die Regeln sind starr und vor allem streng ausgelegt. Sie bieten keinen Interpretationsfreiraum. Worin besteht dann überhaupt die Anziehungskraft der Bewegung?

Was sie vor allem auszeichnet und besonders für Jugendliche attraktiv macht, ist ihre starke religiöse Vereinfachung. Sie sagen ganz klar und strukturiert: das ist der Islam. Auf eine ganz einfache und banalisierte Art und Weise, zum Teil sehr trivial. Wenn man sich die Predigten auf YouTube anschaut, merkt man das sofort. Und gerade das scheint Jugendliche aber anzuziehen.

Sie geben ganz klare Orientierung. Das ist typisch für extremistische Bewegungen, die Denkstrukturen sind dieselben wie bei den Rechtsextremen. Es gibt klare Richtlinien: Das ist Freund und das Feind. Es wird vorgegeben, wie man seinen Alltag zu gestalten hat. Die Motivation einer solchen Gruppierung anzugehören, ist bei vielen Jugendlichen ganz unterschiedlich und inidividualbiographisch. Es kann die Scheidung der Eltern sein, Lebenskrisen oder ähnliches. Es entsteht ein Vakuum und das wird dann von solchen Gruppierungen gefüllt.

Die Prediger können ihre Gemeinden in klarer Sprache und das in der Regel auch in der deutschen Sprache. Das sind Prediger, die auf die Lebensrealität eingehen können und sie sind sehr jung – das macht sehr viel aus. Die meisten der Prediger in der Bewegung sind unter 40, Abou Nagie ist da noch die Ausnahme, er ist älter. Das wichtigste ist und bleibt aber die deutsche Sprache.

Das Problem ist, wenn diese jungen Leute erstmal in der Gruppierung drin sind – das Kind in den Brunnen gefallen ist, wie man so schön sagt – dann ist es schwer, sie da wieder rauszuholen. Das ist ähnlich wie bei einer Sekte. Ihr Alltag dreht sich nur noch um diese Gemeinde. Ihre Außenkontakte nehmen ab, sie fangen an sich genauso anzuziehen, genauso zu denken.

Wie kann man das verhindern und wer muss überhaupt aktiv werden?

Man muss vorher aktiv werden und Präventionsarbeit leisten. Und das geht nur, wenn man Gegenmaßnahmen entwickelt und sich überlegt, was diese Gruppe den Jugendlichen bieten und was wir bisher versäumt haben. Der zweite wichtige Punkt ist, sich nicht nur auf den Salafismus zu konzentrieren, sondern den Extremismus insgesamt, sowohl rechts, links, politisch, religiös. Die Schulen müssen hier eine gute Aufklärungsarbeit leisten.

Die Imame sind wichtige Multiplikatoren. Imam-Weiterbildungsprogramm, wie an der Uni Osnabrück, sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wir bieten Workshops zum Thema Salafismus an. Außerdem lehren wir den Umgang mit dem Internet. Es ist wichtig, dass Imame das können. Jeder populäre Prediger hat seinen eigenen YouTube Channel, hat seine eigene Homepage. Direkt aus dem Kinderzimmer können Jugendliche darauf zugreifen. Wo sind die anderen progressiven islamischen Prediger? Sie sind im Internet kaum vertreten. Da müssen wir Gegenkonzepte entwickeln. Wenn sich junge Leute religiös orientieren wollen, muss man ihnen auch religiöse Antworten geben, damit sie sich gerade von solchen gefährlichen Bewegungen fernhalten.

Prof. Rauf Ceylan ist Religionswissenschaftler an der Universität Osnabrück. Seine Schwerpunkte sind Islam- und Migrationsforschung. 2010 erschien sein Buch „Prediger des Islam“ im Herder Verlag.

Interview: Merve Durmus

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