Recep Keskin: Türkische Unternehmen zahlen sofort

Unternehmer in der Türkei vermeiden Schulden – anders als in Europa. Deshalb sei das Bankensystem nicht so gefährdet. Bei den Konsumenten ist der Kredit-Trend mittlerweile jedoch schon angekommen.

Deutschland könne viel von der Türkei lernen. Anders als noch vor einigen Jahren sei die Türkei nun nicht mehr auf einen EU-Beitritt angewiesen. Im Gegenteil: Deutschland und die gesamte EU würden davon profitieren. Denn die Krise habe die Türkei bei weitem nicht so stark getroffen wie die EU-Länder und trotz der starken Handelsbeziehungen zur EU, ist Recep Keskin der Ansicht, die Türkei stehe nicht denselben Gefahren gegenüber, erklärt er im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. Er ist Vorsitzender des Verbands Türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa (ATIAD), Bundeskanzlerin Merkel hat er bereits in Türkeifragen beraten und begleitete sie auch bei ihrem Staatsbesuch 2010.

„Das Bankensystem der Türkei ist anders als das europäische“, so Keskin weiter. Die Geschäftsmentalität ist eine andere: „Es ist noch nicht so wie in Europa, dass Unternehmen auf Rechnung bestellen und sie die Ware schon vorher geliefert bekommen. In der Türkei ist es immer noch so, dass meistens sofort bezahlt wird. Die Unternehmer sind vorsichtiger.“ Somit sei es viel seltener der Fall, dass sich Unternehmen verschulden. Allmählich ändert sich das allerdings. Bei den Konsumenten ist der Trend zum Kaufen auf Pump längst angekommen. In Zeiten hoher Inflation war das für viele die einzige Möglichkeit, größere Anschaffungen zu machen. Längst hat man sich an das Ratenkaufsystem im Einzelhandel gewöhnt (mehr hier).

Keskin vertraut in die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei, denn in den vergangenen Jahren habe sich viel verändert. Wenn auch langsamer, wächst die Wirtschaft weiter, was auch zu einem großen Anteil an ausländischen Investitionen liegt. Erdogan habe „clever“ gehandelt, sagt Keskin. „Die Einfuhr von Devisen ist in der Türkei unbegrenzt, müssen aber deklariert werden. Somit ist viel Geld in die Türkei geflossen, was der Wirtschaft sehr gut getan hat.“, so Keskin weiter. Die Regierung habe verhindert, dass hohe Summen wieder aus der Türkei ausgeführt werden, denn die Ausfuhr ist begrenzt.

Zwar wäre es für die Türkei problematisch, wenn die Investoren ihr Kapital abziehen (mehr hier). Damit rechnet der Bauunternehmer und Professor an der Hochschule in Dessau nicht. Dazu seien das Vertrauen in die türkische Wirtschaft und die Chancen zu groß. Beispielsweise sei mehr als die Hälfte des türkischen Finanzwesens in ausländischer Hand. Auch dadurch werden immer mehr Fachkräfte in die Türkei gelockt. So auch erfolgreiche Türkischstämmige, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Deutsche oder türkische Unternehmen in der Türkei wollen häufig genau sie, denn allein Deutsch-Türken können beide Sprachen so gut und kennen sich in beiden Kulturen aus.

Doch längst sei es nicht mehr nur die Türkei, in die diese jungen Akademiker auswandern. „Dubai, Amerika, Kanada, Australien, sie suchen sich ein neues Land, weil sie hier in Deutschland keine Perspektive mehr sehen“, erklärt Keskin. „Das sind Menschen, die studiert haben. Deutschland kostet solch eine Ausbildung 300.000 bis 350.000 Euro in fünf bis sechs Jahren“, so Keskin weiter. Diese Fachkräfte verliert Deutschland. Deshalb fordert Keskin, Deutschland müsse neue Zukunftsperspektiven schaffen und den jungen Menschen damit entschieden mehr bieten.

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