Die Kehrseite des Transplantations-Wahnsinns: Türkischer Teenager rettet Leben

Türkische Transplantationen sind derzeit eine Angelegenheit zwischen Hoffen und Bangen. Fast wöchentlich ist von neuen Operationen zu lesen. Immer wieder gibt es schwere Rückfälle, sogar Tote. Die Spenderseite bleibt dabei weitestgehend außen vor. So wie im jüngsten Fall: Hier konnte ein 19-jähriger türkischer Teenager gleich drei Menschen helfen.

Die Organe des 19-Jährigen, der Anfang der Woche in der Provinz Uşak verstarb, erreichten nach ihrer Entnahme, so heißt es in den türkischen Medien, mindestens drei Empfänger. Unter ihnen befand sich auch ein Patient für eine Gesichtstransplantation. Dieser wartete auf seine OP, seit dieses Vorhaben Anfang des Jahres erstmals im Akdeniz Universitätskrankenhaus geglückt war (Uğur Acar machte Ende Januar vielen Betroffenen Mut – mehr hier).

Tevfik Yılmaz, so der Name des Spenders, lag nach einem missglückten Selbstmordversuch eine Woche im staatlichen Krankenhaus von Uşak, bis er schließlich am vergangenen Montag doch noch verstarb. Darauf hin gab seine Familie ihr Einverständnis seine Organe zu entnehmen. Transplantationsexperten der Krankenhäuser von Akdeniz, Gazi und İzmir eilten sofort nach Uşak, wo am Ende insgesamt 30 Chirurgen an Yılmaz‘ Organentnahme arbeiteten, die von 23.15 Uhr am späten Montagabend bis zum nächsten Morgen gegen 5:20 Uhr andauerte.

Der 34-jährige Turan Çolak erhielt noch am gleichen Tag in einer insgesamt neunstündigen OP ein neues Gesicht (es war die bereits vierte Gesichtstransplantation der Türkei – mehr hier). Wie der Leiter des chirurgischen Teams am  Akdeniz Universitätskrankenhaus, Ömer Özkan, mitteilte, sei der Eingriff erfolgreich verlaufen. Wie Çolaks Familie und Freunde erklärten, hätten ihn die Nachrichten über Uğur Acar Anfang des Jahres sehr beeindruckt. Erst danach habe er sich entschlossen, überhaupt Transplantationskandidat zu werden. Entstellt wurde sein Gesicht bereits im Alter von drei Jahren als er sich schwere Verbrennungen zuzog. „Kinder werden nun keine Angst mehr vor mir haben“, freute er sich nur wenige Stunden vor dem alles entscheidenden Eingriff.

Familien der Empfänger trauern mit den Angehörigen der Toten

Die Leber des 19-jährigen Teenagers ging an den erst neunjährigen Jungen Murat Akın. Er hatte bereits seit seinem zweiten Lebensjahr mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Der Vater des Buben, Bayram Akın, erklärte gegenüber der Presse: „Ich bin überaus glücklich und traurig zugleich. Ich wünschte, dass der junge Mann nicht gestorben wäre, dass seine Eltern nicht diesen Schmerz durchstehen müssten und ich ein Stück meiner Leber hätte spenden können. Wir hoffen, dass wir die Familie des Spenders besuchen können sobald mein Sohn genesen ist. Wir wollen ihnen danken und zugleich unser Beileid aussprechen.“

Die dritte Empfängerin, der dank des Teenagers ein neues Leben ermöglicht wurde, ist die 25-jährige Ayşegül Uyar. Sie empfing am vergangenen Dienstag das Herz von Tevfik Yılmaz. Die Ärzte am Universitätsklinikum von Ankara, die die Operation durchführten, erklärten, dass die junge Frau in den vergangenen Jahren unter massiven Herzproblemen gelitten hätte. Die Transplantation sei nun gut verlaufen. Die Patientin befände sich noch immer auf der Intensivstation. Ihrer Mutter Sare Uyar ergeht es derzeit ähnlich wie dem Vater des kleinen Jungen: „Das ist ein großes Glück, aber wir sind auch die Trauer mit der Familie von Tevfik.“

In der Zwischenzeit hat sich auch die Familie Yılmaz an die Öffentlichkeit gewandt. Nach einem kurzen Gespräch mit Dr. Zafer Aydın, dem Koordinator der Transplantationen, erklärten sie gegenüber der Presse, dass sie als Familie die richtige Entscheidung getroffen hätten. Beeinflusst worden sei diese durch den ebenfalls aus Uşak stammenden Ahmet Kaya, dessen Organe im Januar gespendet wurden. Nun hofften sie, dass die Organe ihres Sohnes vielen Menschen zu einem neuen Leben verhelfen würden.

Ahmet Kaya war der Spender bei der ersten Gesichtstransplantation in der Türkei (Uğur Acar erhielt sein Gesicht – mehr hier). Seine Schwester Fadime Çil hatte die Familie Yılmaz im Krankenhaus besucht. Sie erklärte gegenüber den Journalisten: „Ich möchte die Familie von Tevfik Yılmaz unterstützen. Sie tun da eine großartige Sache. Ich bin hier, um ihnen emotional beizustehen.“

Thema Organspende muss stärker ins türkische Bewusstein

Organe sind nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei immer noch Mangelware. Wie Bahri Kemaloğlu, Leiter des Gesundheitsministeriums und verantwortlich für die Abteilung Organspenden, bereits im Zuge des Medienhypes um Uğur Acar erklärte, sei die Türkei in Sachen erfolgreicher Organtransplantationen mit anderen europäischen Ländern wie Italien, Frankreich oder Portugal durchaus auf Augenhöhe. Doch im Vergleich zu diesen Staaten sei in der Türkei die Zahl der Organspenden ausgesprochen niedrig. Das Bewusstsein für Organspenden in der Türkei, darin sind sich derzeit viele Fachleute einig, müsse noch weiter vorangetrieben und auch mehr medizinisches Personal ausgebildet werden, die eine solche Transplantation überhaupt koordinieren könnten (gemessen an der Zahl der wartenden Patienten ist nur eine geringe Anzahl an OPs durchgeführt worden – mehr hier).

Auf der anderen Seite machten türkische Ärzte in den letzten Monaten immer wieder durch spektakuläre Drei- oder gar Vierfach-Transplantationen auf sich aufmerksam. Erfolgreich waren sie dabei allerdings nicht. Nach dem Tod von Şevket Çavdar, dem im Februar sowohl zwei Beine als auch zwei Arme transplantiert wurden, hatte Anfang Mai auch die weltweit erste dreifache Gliedmaßen-Transplantation für Atilla Kavdır kein gutes Ende genommen (eigentlich war er bereits auf dem Weg der Besserung – mehr hier). Nur wenige Wochen zuvor sorgte das Hacettepe Universitätsklinikum für Aufsehen. Dieses wird zukünftig keine Transplantationen mehr durchführen dürfen. Nach dem Tod von Çavdar wurde eine Untersuchung eingeleitet. Es stellte sich heraus, dass dieser hätte verhindert werden können (die Kommission untersuchte nicht nur dieses Krankenhaus – mehr hier).

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