Angst vor der Wahrheit: Erdoğan droht mit türkischer Rating-Agentur

Die Herabstufung der Türkei durch die Ratingagentur Standard & Poor's hat in Ankara für Empörung gesorgt. Ministerpräsident Erdoğan droht mit der Kündigung und der Gründung einer eigenen Agentur. Beobachter glauben eher, dass die türkischen Jubelmeldungen der vergangenen Monate nicht besonders belastbar sind.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan beharrt darauf, dass die Herabstufung der Türkei durch die Ratingagentur Standard & Poor’s (mehr hier) eine große Ungerechtigkeit sei. Erdogan will nun tätig werden: Die Türkei sollte künftig von „einer eigenen Ratingagentur“ beurteilt werden. Den jährlichen Vertrag mit S&P will Erdogan womöglich auch kündigen. Erdoğan: „Wir unterzeichnen jedes Jahr einen Vertrag mit S&P. Wir sollten uns überlegen, diesen zu kündigen, wenn nötig. Wir arbeiten derzeit daran. Daran kann uns keiner hindern.“

Erdoğan präsentierte auh sein Vorhaben, eine eigene türkische Ratingagentur zu gründen. Das würde „von großem Nutzen sein“, so Erdoğan. Erdoğan hat eine eigene Sicht auf die Wirkung von Ratings: „S&P’s Statement hat keinerlei Einfluss auf unsere Märkte, aber unsere Erklärungen schaden dem Ansehen S&P’s in der Welt.“ Erdoğanc Aussage ist beeinflusst von zwei Faktoren, so Gürsel, Kolumnist der Tageszeitung Milliyet. Zum einen die steigende Macht des Landes, aber auch der Abhängigkeit der türkischen Wirtschaft vom ausländischen Investitionen. Das Leistungsbilanzdefizit erreichte im vergangenen Jahr 10 Prozent des BIP.

Erdoğans Strategie ist nun, die Investoren mit der öffentlichen Ablehnung der Herabstufung, die Märkte zu beruhigen. Für Gürsel belegen die Aussagen des türkischen Ministerpräsidenten eine gewisse „Selbstüberschätzung“. Beobachter sehen etliche Gefahren in der aktuellen Lage der Türkei und zweifeln an den vielen Jubelmeldungen der Türken über die rosige wirtschaftliche Situation.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hatte den Ausblick der Türkei kürzlich von positiv auf stabil korrigiert. Erdoğan war der Ansicht, dass es sich dabei um eine „ideologische“ Entscheidung handele und erkannte die Herabstufung nicht an (mehr hier). Rückendeckung erhielt er dabei von der Royal Bank of Scotland (mehr hier). S&P verteidigte die Entscheidung allerdings, da sich diese auf die Lage der Eurozone beziehe. Aufgrund der Abhängigkeit der Türkei von internationalem Kapital habe die europäische Wirtschaftskrise auch Auswirkung auf die Türkei.

Mit seiner Kritik an S&P reiht sich Erdoğan in die Reihe jener europäischen Politiker ein, die das Problem weniger in ihrer eigenen Politik sehen, sondern lieber den Überbringer schlechter Nachrichten abstrafen wollen. Am Dienstag hat die EU ein Gesetz auf den Weg gebracht, aufgrund dessen europäische Staaten Ratingagenturen verklagen können, wenn die Regierungen die Zahlen für falsch halten.

Wirklich wichtig sind die Agenturen jedoch für die institutionellen Anleger: Diese investieren nur, wenn die Ratings stimmen. Politische Propaganda ist für Pensionsfonds und Anleger dagegen vollständig uninteressant. Dies gilt für Rom, Madrid, Paris und Ankara im selben Maß.

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