Tierschutz: „Das ‚normale‘ Schlachten ist auch eine Barbarei“

Die Veganerin und Bäuerin Hilal Sezgin erklärt im Interview, warum sie den Verzehr von Tieren grundsätzlich ablehnt. Diese Haltung sei mit dem Islam gut vereinbar. Die Tierschutz-Kritik am Schächten weist sie zurück: Normale Schlachtungen seien mindestens genauso brutal.

Vegetarierin wurde ich, als ich vierzehn Jahre alt war. Mir wurde schlagartig klar, dass es eigentlich ganz falsch ist, Tiere zu töten, nur weil man sie essen will. Es gibt heutzutage und in unseren reichen Industrieländern doch so viel anderes zu essen! Und vegan wurde ich dann, als ich hier auf dem Land ein paar Ausflüge zu Bauernhöfen gemacht habe und gesehen habe: Die führen ja ein entsetzliches Leben! Auch die Bio-Tiere. Kälber, zum Beispiel, werden der Mutter weggenommen, weil der Mensch ja die Milch haben will. Also muss das arme Kalb in einer kleinen Plastikhütte stehen, und die Mama steht ganz woanders und schreit nach ihrem Kind! Und als meine Schafe Lämmer hatten, habe ich gesehen, wie sehr Tiermütter ihre Kinder lieben. Da war für mich mit Milch und Käse Schluss.

Sie haben sich also entschieden auf tierische Produkte komplett zu verzichten. Wie reagierte Ihre Familie auf Ihre Entscheidung und ist das überhaupt mit dem Islam vereinbar?

Meine Eltern sind total tierlieb, sowohl meine deutsche Mutter als auch mein türkischer Vater. Beide wurden kurz nach mir ebenfalls Vegetarier und sind es bis heute geblieben. Sie sind gläubige Muslime und haben mir sehr früh beigebracht, dass im Islam der Respekt vor Tieren und der gute Umgang mit ihnen dazu gehört.

Vegetarische Ernährung ist in der Türkei nicht sehr verbreitet. Bemerken Sie auch, dass Türkeistämmige hier anders auf Ihre Entscheidung reagieren?

Das könnte ich jetzt nicht so verallgemeinern. Eigentlich habe ich immer in einer mehrheitlich „fleischessenden“ Umgebung gelebt, sowohl hier als auch da. Erst seitdem ich immer mehr Zeitungsartikel zu dem Thema schreibe und mein Buch über das „Landleben“ geschrieben habe, habe ich viele andere Vegetarier und Veganer kennen gelernt. Die meisten davon sind wohl deutscher Herkunft, aber viele haben auch türkische Eltern. Wir leben ja alle hier und sehen im TV Reportagen über gequälte Tiere in der Massentierhaltung – das macht alle empfindsamen Menschen betroffen, egal, ob mit „deutschem“ oder „türkischem“ Namen.

Warum entschieden Sie sich zu einem Leben auf einem Bauernhof?

Eigentlich nenne ich es eher „Gnadenhof“ oder, weil das etwas sonderbar klingt: „Lebenshof“. Die Idee ist einfach, dass man Tiere, die ansonsten als „Nutztiere“ betrachtet und nach Kräften ausgebeutet werden, einfach leben lässt, so wie sie möchten. Hier wird niemand geschlachtet, ich nehme keinen Kindern ihre Mütter weg. Derzeit habe ich 39 Schafe, drei Ziegen, zwei Gänse und ein paar Hühner. Als ich hierherzog, war das übrigens gar nicht so geplant – ich wollte nur gern raus aus der Stadt und in die Natur.

Hilal Sezgin, geboren 1970, studierte Philosophie und lebt heute als freie Schriftstellerin und Publizistin in der Lüneburger Heide. 2011 erschien ihr Buch: „Landleben. Von einer die raus zog“ im Dumont Verlag.

Interview: Betül Ulusoy

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