Tierschutz: “Das ‘normale’ Schlachten ist auch eine Barbarei”

Die Veganerin und Bäuerin Hilal Sezgin erklärt im Interview, warum sie den Verzehr von Tieren grundsätzlich ablehnt. Diese Haltung sei mit dem Islam gut vereinbar. Die Tierschutz-Kritik am Schächten weist sie zurück: Normale Schlachtungen seien mindestens genauso brutal.

Der Islam schreibt Muslimen nicht unbedingt vor, Fleisch essen zu müssen. Hilal Sezgin bevorzugt es, fleischfrei zu leben und damit Tiere zu schützen. (Foto:flickr/Chris. P)

Der Islam schreibt Muslimen nicht unbedingt vor, Fleisch essen zu müssen. Hilal Sezgin bevorzugt es, fleischfrei zu leben und damit Tiere zu schützen. (Foto:flickr/Chris. P)

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie sind überzeugte Tierschützerin. Im März 2012 wurde nun auch erstmals eine Tierschutzpartei in der Türkei gegründet. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Hilal Sezgin: Ich kann die Situation in der Türkei nicht wirklich gut einschätzen. Ich habe den Eindruck, in der Türkei tut sich in den letzten Jahren viel in Bezug auf den Tierschutz. – Aber es bleibt immer noch mehr zu tun. Schauen Sie sich Deutschland an: Ja, wir haben umfassende Tierschutzgesetze. Scheinbar. Aber wenn man sie sich genau durchliest, wird eigentlich alles, was man heutzutage in der Landwirtschaft und in wissenschaftlichen Labors so macht, per „Ausnahme“ erlaubt.

Kann die Halal-Schlachtung eine Alternative zum gängigen Schlachten sein?

Ursprünglich, wenn man sich die religiösen Regelungen anschaut, war das Schächten als möglichst humane Form des Tötens konzipiert: Das Messer muss scharf, der Schnitt schnell sein; das Tier muss beruhigt werden und darf keine anderen geschlachteten Tiere oder Blut sehen, damit es keine Angst bekommt. Wer hält sich heute noch daran? Viele Leute „parken“ ein Schaf ein paar Tage in der Garage – eine unglaubliche Quälerei! Und in großen Schlachtereien wird nun mal eins nach dem anderen geschlachtet. Natürlich riechen und spüren die Tiere das Blut und den Tod. Also das ist eigentlich keine Alternative. Außerdem kann das Fleisch dieser Tiere meiner Meinung nach gar nicht halal werden, egal wie man sie schlachtet – denn sie haben vorher schon so schlimm gelebt. Es ist ethisch einfach nicht okay.

Beim Thema Schächtung werden auf einmal alle immer zu Tierschützern…

Ja, das ist typisch. Aber das „normale“ Schlachten ist auch eine Barbarei, nur sieht man das nicht, weil alles hinter verschlossenen Türen stattfindet! Daran muss man diese plötzlichen Tierschützer erinnern. Und zu den Muslimen sage ich: Auch „halal“ ist keine Alternative. Fleischessen an sich ist ja keine religiöse Pflicht für Muslime. Heutzutage ist es für alle Beteiligten besser, wenn wir darauf verzichten: Für die Umwelt (wegen des Wasserverbrauchs, des Methangases und der Bodenverschmutzung), für die Tiere natürlich und für die Menschen – wegen dem Antibiotika-Missbrauch in der Landwirtschaft und dem Hunger in der Dritten Welt. Mit den Soja- und Getreidemengen, die „unsere“ Tiere fressen, könnte man die Menschheit locker ernähren.

Warum entschieden Sie sich für eine vegane Lebensweise, nicht etwa vegetarische oder gar eine Lebensweise, die „tierfreundlich“ geschlachtetes Fleisch zulässt?

Hilal Sezgin (Foto: privat)

Hilal Sezgin (Foto: privat)

Vegetarierin wurde ich, als ich vierzehn Jahre alt war. Mir wurde schlagartig klar, dass es eigentlich ganz falsch ist, Tiere zu töten, nur weil man sie essen will. Es gibt heutzutage und in unseren reichen Industrieländern doch so viel anderes zu essen! Und vegan wurde ich dann, als ich hier auf dem Land ein paar Ausflüge zu Bauernhöfen gemacht habe und gesehen habe: Die führen ja ein entsetzliches Leben! Auch die Bio-Tiere. Kälber, zum Beispiel, werden der Mutter weggenommen, weil der Mensch ja die Milch haben will. Also muss das arme Kalb in einer kleinen Plastikhütte stehen, und die Mama steht ganz woanders und schreit nach ihrem Kind! Und als meine Schafe Lämmer hatten, habe ich gesehen, wie sehr Tiermütter ihre Kinder lieben. Da war für mich mit Milch und Käse Schluss.

Sie haben sich also entschieden auf tierische Produkte komplett zu verzichten. Wie reagierte Ihre Familie auf Ihre Entscheidung und ist das überhaupt mit dem Islam vereinbar?

Meine Eltern sind total tierlieb, sowohl meine deutsche Mutter als auch mein türkischer Vater. Beide wurden kurz nach mir ebenfalls Vegetarier und sind es bis heute geblieben. Sie sind gläubige Muslime und haben mir sehr früh beigebracht, dass im Islam der Respekt vor Tieren und der gute Umgang mit ihnen dazu gehört.

Vegetarische Ernährung ist in der Türkei nicht sehr verbreitet. Bemerken Sie auch, dass Türkeistämmige hier anders auf Ihre Entscheidung reagieren?

Das könnte ich jetzt nicht so verallgemeinern. Eigentlich habe ich immer in einer mehrheitlich „fleischessenden“ Umgebung gelebt, sowohl hier als auch da. Erst seitdem ich immer mehr Zeitungsartikel zu dem Thema schreibe und mein Buch über das „Landleben“ geschrieben habe, habe ich viele andere Vegetarier und Veganer kennen gelernt. Die meisten davon sind wohl deutscher Herkunft, aber viele haben auch türkische Eltern. Wir leben ja alle hier und sehen im TV Reportagen über gequälte Tiere in der Massentierhaltung – das macht alle empfindsamen Menschen betroffen, egal, ob mit „deutschem“ oder „türkischem“ Namen.

Warum entschieden Sie sich zu einem Leben auf einem Bauernhof?

Eigentlich nenne ich es eher „Gnadenhof“ oder, weil das etwas sonderbar klingt: „Lebenshof“. Die Idee ist einfach, dass man Tiere, die ansonsten als „Nutztiere“ betrachtet und nach Kräften ausgebeutet werden, einfach leben lässt, so wie sie möchten. Hier wird niemand geschlachtet, ich nehme keinen Kindern ihre Mütter weg. Derzeit habe ich 39 Schafe, drei Ziegen, zwei Gänse und ein paar Hühner. Als ich hierherzog, war das übrigens gar nicht so geplant – ich wollte nur gern raus aus der Stadt und in die Natur.

Hilal Sezgin, geboren 1970, studierte Philosophie und lebt heute als freie Schriftstellerin und Publizistin in der Lüneburger Heide. 2011 erschien ihr Buch: „Landleben. Von einer die raus zog“ im Dumont Verlag.

Interview: Betül Ulusoy

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