Yale Professor: Der Westen ignoriert wesentliche Aspekte des Arabischen Frühlings

Nach Einschätzung eines Soziologie-Professors der renommierten Yale Universität würden westliche Beobachter nur allzu oft wesentliche Dimensionen des Arabischen Frühlings ignorieren. Vor allem der Diskurs der Zivilgesellschaft bleibe häufig außen vor.

„Wir sind zu sehr darauf fixiert, ob etwas islamisch ist oder nicht. Wir ignorieren einige wichtige Dimensionen des Arabischen Frühlings. Es gibt einen Diskurs der Zivilgesellschaft, einen Diskurs der Demokratie“, so Jeffrey Alexander, Lillian Chavenson Saden Professor für Soziologie an der Universität Yale und Co-Direktor am Zentrum für Kulturelle Soziologie (CCS).

Alexander, der am vergangenen Montag im Rahmen der Istanbul Seminare 2012, organisiert von „Reset-Dialogues on Civilizations“ an der Bilgi Universität, sprach, ist der Ansicht, dass westliche Beobachter ihre Aufmerksamkeit auf die Sprache der Öffentlichkeit in den Ländern des Arabischen Frühlings richten müssten. „Das ist besonders wichtig, weil sie das mit früheren Revolutionen des Westens verbindet. Es ist eine unhistorische Weise von Verständnis, wenn wir alles auf der Basis des Islam betrachten.“ Laut Alexander, der sich in seinem jüngsten Buch vor allem mit den Ereignissen in Ägypten auseinandersetzt, seien westliche Denker in ihrem Verständnis viel zu monolithisch (Jackson Diehl von der Washington Post sagt: Die Welt muss sich an islamische Regierungen im Mittleren Osten gewöhnen – mehr hier).

Kluge türkische Außenpolitik sorgt für gute Reputation

Neben Jeffrey Alexander war auch die Soziologin Nilüfer Göle Gast des Panels. Ihrer Ansicht nacht habe der Arabische Frühling die Selbstwahrnehmung in vielen Ländern verändert. Sie kenne sogar Franzosen, die sich schämen würden Franzosen zu sein und lieber Tunesier wären. „Wir versuchen aufzuzeigen, ob sie demokratisch werden oder ob sie überhaupt gut genug sind. Doch es gibt bereits Vorstellungen von Demokratie, die sich im Zuge des Arabischen Frühlings auf der ganzen Welt verbreiten.“ Göle, Professorin für Soziologie an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris, brachte auch die türkische Frage in Bezug auf den Arabischen Frühling in die Diskussion ein.

Wie Göle feststellt, rückt die Türkei immer dann in den Blickpunkt, wenn es um die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie gehe. „In den vergangenen zehn Jahren war die Türkei in der arabischen Welt ziemlich präsent. Die Türkei ist säkular, hat eine gute Armee, es gibt eine Mittelschicht, das alles macht einen Übergang möglich.“ Ihrer Einschätzung nach haben die außenpolitischen Entscheidungen der Türkei – wie ihre Distanz zur amerikanischen Invasion im Irak und ihre pro-palästinensische Haltung – zu mehr Transparenzm nicht nur in der westlichen Welt, sondern auch unter den Arabern verholfen. Im Zuge des Arabischen Frühlings habe sich auch in der Türkei das Bewusstsein für die eigenen Probleme etwa im Zusammenhang mit Menschenrechten und der Meinungsfreiheit geschärft. Diesen Themen müsse sich das Land stellen. In diesem Sinne hätte der Arabische Frühling auch eine selbstkorrigierende Wirkung auf die Türkei.

Muslim-Bruderschaft: Keine Rolle bei Revolution in Tunesien

Im Zuge dessen warf Göle auch die immer wieder gestellte Frage auf, ob die Türkei für die Länder des Arabischen Frühlings als Vorbild bzw. Modell dienen könnte. „Wir müssen verstehen, für wen und warum die Türkei als Vorbild gesehen wird“, sagte sie. Hier schaltete sich nun Mohsen Marzouk, Generalsekretär der Arab Foundation for Democracy (ADF) in Doha, in die Debatte ein. Für ihn könne die Türkei in der Tat ein Modell sein. „Ich wünschte, die Türkei wäre ein Vorbild für unsere Islamisten“, sagte er und fügte hinzu, dass die Muslim-Bruderschaft keine Rolle in der tunesischen Revolution spielte und dass die meisten Demonstranten säkular gewesen wären (die Muslim-Bruderschaft hat in Ägypten offenbar mehr Einfluss, hier könnte sie sogar den Tourismus-Sektor beschneiden – mehr hier).

„Das Problem dreht sich nicht um den Islam und Demokratie, sondern um Islamisten und Demokratie“, fasst Marzouk zusammen. „Wir haben in Tunesien keine Garantien für eine Demokratie.“ (Ägypten ist gerade dabei ein Gottesstaat zu werden – mehr hier) Nach dem Sturz des Diktators im Januar 2011, wählten die Tunesier im Oktober letzten Jahres eine Verfassunggebende Versammlung, die auch die Angelegenheiten des Landes regeln sollte. Die moderate islamistische Partei Ennahda gewann die ersten Wahlen des Arabischen Frühlings und bildete eine Koalition mit zwei linken Parteien. Ennahda gewann mehr als 40 Prozent der Parlamentssitze. Ihr Vorsitzender Raschid al-Ghannushi lobte die Türkei bereits vor den Wahlen als ein „Vorbild“ für die Tunesier. Seiner Ansicht nach sei die türkische Regierungspartei AKP eine gelungene Synthese von Islam und Moderne und ein sehr erfolgreiches Beispiel für einen modernen muslimischen Staat.

Hier gab Göle allerdings zu bedenken, dass nicht klar sei, in welche Richtung sich die AKP künftig entwickeln werde. „Wie nennen wir die AKP? Eine konservative Partei? Eine moderate islamische Partei? Das ist noch nicht klar. Es ist ein Wirken im Umbruch. Die AKP ist keine Partei der Identität, sondern von ‚hizmet‘.“ (nicht selten werden kritische Stimmen laut, die die Türkei beschuldigen, jegliche Kritik im Keim zu ersticken – mehr hier)

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