Abtreibungsgegner Erdogan: Jetzt treten Frauenrechtsgruppen auf den Plan!

Die ablehnende Haltung des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan zu den Themen Kaiserschnittgeburten und Abtreibungen hat nun den Zorn türkischer Frauenrechtsgruppen, aber auch einiger weiblicher Abgeordneter heraufbeschworen. Es ist eine Debatte darüber entfacht, ob die türkische Regierung überhaupt das Recht hätte in ethische Entscheidungen der Menschen einzugreifen.

Während einer Konferenz in Istanbul am vergangenen Freitag hatte Erdoğan erklärt, dass niemand das Recht hätte Abtreibungen zuzulassen. „Ganz gleich, ob man das Baby im Mutterleib tötet oder nach seiner Geburt. Für mich macht das keinen Unterschied“, so seine eindeutige Position. Im Zuge dessen kam auch seine Abneigung gegenüber Kaiserschnitten zum Ausdruck. Diese Form der Geburt erachte er für „unnatürlich“.

Gesundheitsminister Recep Akdağ bestätigte nun am vergangenen Samstag, die Anzahl der Kaiserschnittgeburten in türkischen Krankenhäusern in der Tat zu begrenzen. Er kündigte während eines Gesundheits-Symposiums in Balıkesir an: „Wir werden Strafen gegen private Krankenhäuser verhängen, deren Anzahl unnötiger Kaiserschnitte stark gestiegen ist.“ Er stellte zudem fest, dass das Ministerium an einer neuen Gesetzgebung zur Lösung dieses Problems arbeiten würde.

Jede zweite türkische Frau wählt den Kaiserschnitt

Tags zuvor forderte Erdoğan in seiner Rede, dass die türkische Gesellschaft sensibler mit dem Thema Abtreibung umzugehen hätte. Gemeinsam “sollten wir uns dagegen stellen”. Mittlerweile hat auch die türkische Familienministerin Fatma Şahin auf die Gedanken des Premiers reagiert. Sie schlägt vor, seine Äußerungen auf wissenschaftlicher Grundlage zu diskutieren. „Abtreibung ist natürlich das Recht eines jeden Einzelnen. Aber was der Premierminister beschrieb, war seine persönliche Beobachtung. Er wies auf die Bedeutung der Familienplanung und Ergreifung der notwendigen Vorsichtsmaßnahmen hin bevor man eine Abtreibung als Lösung in Erwägung zieht. Die Aussage des Ministerpräsidenten „Abtreibung ist ein Mord“ stellt nur heraus, dass, wenn man eine Schwangerschaft beendet, weil man vorher keine Vorkehrungen getroffen hat, man damit gegen das Recht dieses Babys auf Leben verstößt. All jenen, die nun den Premier kritisieren, empfehle ich die Lektüre der Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO)“, so die Ministerin.

Şahin stellte ferner fest, dass etwa 20 Prozent der schwangeren Frauen in europäischen Ländern per Kaiserschnitt entbinden, während in der Türkei jede zweite Frau diesen Weg vorzieht. Als Gründe hierfür führt Şahin an: „Es gibt da einen Irrglauben unter den Frauen. Sie denken, sie zahlen mehr, leiden  mit den Kaiserschnitt.Operationen dafür aber weniger. Diese Wahrnehmung ist ziemlich weit von der Realität entfernt.“ (erst vor einigen Monaten setzte sie sich für eine vermeintlich elfjährige Schwangere ein – mehr hier)

Freiwilliger Abbruch ist eine Grundfreiheit

Frauenrechtsgruppen und Befürworter reagierten indessen verärgert auf die Aussagen des Premiers. Habibe Yilmaz, Rechtsanwältin und Leiterin eines Zentrums zur rechtlichen Unterstützung von Frauen, erklräte gegenüber den türkischen Medien: „Eine Entscheidung bezüglich des eigenen Körpers – im Bereich der Medizin – ist ein grundlegendes Menschenrecht. Frauen dieses Rechts zu berauben wäre gleichbedeutend mit der Einschränkung ihres Rechts auf Gesundheit und das Recht auf ein erfülltes Leben. Die Frage eines freiwilligen Abbruchs sollte im Lichte der Grundfreiheiten betrachtet werden.“

Auch die Aktivistin Neslihan Akbulut Arıkan von der Frauenvereinigung gegen Diskriminierung erklärte, dass auch ihr Verband gegen Abtreibung als eine Verhütungsmethode auf Grund von verantwortungslosem sexuellen Verhaltens sei, sie vertritt allerdings die Ansicht: „Politiker sollten derart scharfe Aussagen zu solch sensiblen Themen vermeiden, um so zu vermeiden, dass Menschen in Misskredit geraten, die in höchster Not darauf zurückgegriffen haben.“

Abtreibung seit 1983 in der Türkei legal

Wesentlich vorsichtiger mit ihren Aussagen war hier medizinisches Personal (ein junger türkischer Chirurg wurde kürzlich ermordet, weil ein Patient verstorben war – mehr hier). İsmail Mete Etil, Chef der türkischen Gynäkologie und Geburtshilfe e.V., sagte: „Die höchsten Abtreibungsraten gibt es in Ländern Asiens und Lateinamerikas, wo Abtreibung illegal ist. Die Rate ist viel niedriger in Ländern, in denen Abtreibung legal ist. In der Türkei ist es seit 1983 für Frauen legal bis zur zehnten Schwangerschaftswoche einen Abbruch vornehmen zu lassen. Bei Frauen, deren Schwangerschaft schon weiter fortgeschritten ist, besteht ein Risiko für das Leben der Mutter.“

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