Gefeuert wegen Regierungskritik: Türkischer Kolumnist muss gehen

Erst Ende vergangener Woche wurde der Fall von 33 Redakteuren bekannt, die allesamt kündigten, um den Zeitungsinhaber davon abzubringen, eine selbstauferlegte Zensur einzuführen. Jetzt hat einen türkischen Redakteur das umgekehrte Schicksal getroffen. Er wurde gefeuert, weil er offenbar zu unbequem wurde.

Die Mitarbeiter der “Hedef Halk” aus der Schwarzmeer-Provinz Samsun hatten alles auf eine Karte gesetzt – und gewonnen. Ihre kollektive Kündigung war für ihren Vorgesetzten Sabahattin Poyrazoğlu ein derartiger Warnschuss, dass er es vorzog von seinen Plänen künftig nicht mehr über Erpressung, Diebstahl, Mord, Selbstmord, Verkehrsunfälle, Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch zu berichten, absah (nach Ansicht der Redakteure stellte das bereits unterzeichnete Protokoll einen massiven Eingriff in die Pressefreiheit dar – mehr hier). Sie alle kehrten zurück an ihren Arbeitsplatz – die Redaktionswelt ist wieder in Ordnung.

Anders sieht die Lage für den langjährigen „Yeni Şafak“-Kolumnisten Ali Akel aus. Der Schreiberling und die Zeitung haben sich nun getrennt. Es wird angenommen, so berichten derzeit die türkischen Medien, dass seine Kündigung mit seinen Artikeln zum Luftangriff von Uludere zusammenhänge, in denen er die türkische Regierung kritisch angeht.

Uludere: Die Regierung muss sich offiziell entschuldigen

Erst am vergangenen Freitag kritisierte Akel den türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan und die Regierung in seiner Kolumne heftig dafür, dass es bisher zu keiner offiziellen Entschuldigung gekommen sei. Der Redakteur beklagte zudem, dass die Regierung keine bestimmtere Position vertrete, wenn es um die Untersuchung der Verantwortlichen des Vorfalls gehe.

Schnell, so berichtet die türkische „Zaman“ habe es Spekulationen gegeben, dass Ali Akel gefeuert werden könnte. Bis vergangenen Dienstag hatte der derartige Berichte jedoch abgestritten und erklärt, er würde auch weiterhin für die Zeitung arbeiten. Dann die Auflösung: Akel, der 16 Jahre lang für das Blatt tätig war, erklärte über Twitter, dass er und sein bisheriger Arbeitgeber künftig getrennte Wege gehen würden. Noch einmal betonte er, dass er sich geehrt fühle, bei dieser Zeitung arbeiten zu dürfen und dass er nun traurig sei „Heim und Freunde“ verlassen zu müssen. Gleichzeitig hätte er jedoch vollstes Verständnis für seinen Chef und die Mitarbeiter der Zeitung, da man gerade „durch härtere Zeiten“ gehe. Das Schreiben in solchen Zeiten, so schloss er ab, fordere nunmal seinen Tribut.

Mittlerweile hat der Gefeuerte jedoch auch eine solidarische Geste von einem Kollegen erfahren. Hakan Albayrak, der eigentlich ab dem 1. Juni für die Kolumne zuständig sein sollte, erkärte, dass er nicht schreiben werde, bis der Fall von Akel geklärt sei (ein Protest bei Turkish Airlines führte in dieser Woche zur Entlassung von 150 Mitarbeitern – mehr hier).

Mehr zum Thema:

Mit uns keine Zensur! Alle 33 Redakteure der türkischen „Hedef Halk“ kündigen
Türkische Cyberaktivisten legen konservative Milli Gazete lahm
Türkei: Presserecht soll sich dem Web 2.0 anpassen

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.