Fazil Say: Türkisches Gericht erhebt Anklage wegen Muezzin Witz auf Twitter

Spätestens am vergangenen Wochenende hatte sich die Entwicklung abgezeichnet. Jetzt ist es gewiss: Ein Gericht in Istanbul hat formell Anklage gegen den türkischen Pianisten und Komponisten Fazıl Say erhoben, weil er auf Twitter islamische Werte beleidigt haben soll. Ihm drohen 18 Monate Haft.

In der vergangenen Woche hatte ein Staatsanwalt angekündigt, Anklage gegen Fazil Say, der bereits gemeinsam mit dem New York Philharmonic Orchestra, den Berliner Symphonikern, der Israel Philharmonic, dem Orchestre National de France oder der Tokyo Symphony auf der Bühne stand, zu erheben. Dem stimmte am vergangenen Freitag nun auch ein Gericht in Istanbul zu.

Say hat islamischen Glauben auf Twitter verspottet

Dem 42-jährigen Musiker wird in der Anklageschrift Aufstachelung zum Hass und öffentliche Verunglimpfung “religiöser Werte” vorgeworfen (auch in anderen europäischen Ländern sind solche Paragraphen nicht unüblich – mehr hier).  Say, der vor vier Jahren zum Kulturbotschafter der Europäischen Union ernannt wurde, habe demzufolge den islamischen Glauben und dessen Vorstellungen über das Paradies auf Twitter verspottet. Zu lesen war: „Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?”

Wie Fazil Says Anwältin, Meltem Akyol, verlauten ließ, weise ihr Mandat die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zurück (die Istanbuler Staatsanwaltschaft hatte aufgrund der Anzeige einer Privatperson die Ermittlungen gegen den weltbekannten Pianisten aufgenommen – mehr hier). Der Prozess, so heißt es in den türkischen Medien, werde am 18. Oktober dieses Jahres beginnen. Dem preisgekrönten Musiker, der 1970 in Ankara zur Welt kam, drohen nun bis zu 18 Monate Haft. So lautet die Forderung in der Anklageschrift.

Pianist beklagt zunehmende Intoleranz in seiner Heimat

Solle er hinter Gitter kommen, so befürchtet er selbst, könnte das auch das Aus seiner internationalen Karriere bedeuten. Im Zuge der Diskussionen über seine Twitternachricht, in der er Zeilen des persischen Dichters Omar Khayyam weiterverbreitete, kündigte Say bereits Ende April an, dass er die Türkei in Richtung Japan verlassen wollen würde. Als Grund hierfür gab der bekennende Atheist eine zunehmende kulturelle Intoleranz in seinem Heimatland an.

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