Unfassbar: Erdoğan verfolgt Star-Pianist Fazıl Say wegen Twitter-Witz

Seit kurzem ist klar: Fazıl Say bekommt die volle Härte der türkischen Justiz zu spüren. Ein Istanbuler Gericht hat Anklage gegen den türkischen Pianisten erhoben. Sein Prozess wegen vermeintlicher Beleidigung islamischer Werte auf Twitter beginnt am 18. Oktober. Er selbst kann das, was hier gerade geschieht, kaum glauben. Im Internet wurde nun eine Petition im Namen der Meinungsfreiheit gestartet, um ihn zu unterstützen.

„Mein Land, das mir immer als Inspiration diente, ist nun gegen mich“, erklärt der renommierte Pianist Fazıl Say den Deutsch Türkischen Nachrichten. Weil er auf Twitter über den Islam scherzte, wurde in der Türkei Anklage gegen ihn erhoben. Warum seine Worte nicht unter die Meinungsfreiheit fallen, sondern von der Staatsanwaltschaft als „Hetze“ und „Verunglimpfung“ gesehen werden, ist den meisten unklar.

Er betont, dass er die Meinungsfreiheit immer respektiert habe und es niemals seine Absicht gewesen sei „eine Gruppe, eine Person oder Organisation zu beleidigen“. Mit einer Unterschriftenaktion im Internet solidarisieren sich nun weltweit Menschen für Fazıl Say und unterstützen ihn. Bereits 2.700 Personen haben im Namen der Meinungsfreiheit unterzeichnet. Er selbst appelliert an die Öffentlichkeit: „Bevor Menschen mich verurteilen, sollten sie sich ein wenig Zeit für meine Musik nehmen, um zu verstehen, wie ich über die Werte unserer Gesellschaft denke“.

Dabei handelte es sich nicht einmal um seine eigenen Worte. Er retweetete Mitte April Zeilen des persischen Dichters Omar Khayyam. Kein anderer, der dieselbe Nachricht twitterte wurde angeklagt.

Doch „Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?” wird von Gericht und Staatsanwaltschaft nun als Aufstachelung zum Hass und öffentliche Verunglimpfung “religiöser Werte” gewertet. In der Anklageschrift werden 18 Monate Haft gefordert (Paragraphen wie in der Türkei, die zu Ermittlungen gegen den weltbekannten Pianisten Fazıl Say führten, sind auch in europäischen Ländern nicht unüblich. Doch Gerichte dieser Länder legen das Gesetz anders aus als die Türkei – mehr hier).

Bardakçı: Zeilen sollen nicht von Omar Khayyam stammen

Auch gegenüber den Medien hatte Say betont, dass sich seine Tweets lediglich auf den Poeten aus dem 11. Jahrhundert bezogen hätten. Genau das wird aber von Murat Bardakçı, Gelehrter der osmanischen Geschichte und Literatur, bezweifelt. Obschon der Text im Internet Khayyam zugeschrieben und verbreitet werde, sei ein solcher nicht in seinem Werk zu finden.

Zu seiner eigenen Verteidigung stellte Fazıl Say weiter fest, dass er lediglich einer von insgesamt 156 Personen gewesen sei, der den Tweet über die islamische Vision vom Paradies geteilt hätte. „Ich dachte, es wäre eine amüsante Allegorie und retweetete die Nachricht“, so der international bekannte Musiker. Dabei blieb es allerdings nicht. In die Debatte um den Retweet klinkte sich auch Say ein und schrieb weiter: „Der Muezzin trägt seinen Gebetsruf zum Abendgebet in 22 Sekunden vorgetragen. Prestissimmo con fuco!!! Warum diese Eile? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“ (dass das überhaupt zu einer Anzeige führen könnte, hat zunächst niemand glauben können – mehr hier)

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