Abtreibungs-Debatte: Jetzt mischt sich auch noch das Amt für Religiöse Angelegenheiten ein

Erst am vergangenen Wochenende waren Tausende türkische Frauen auf die Straße gegangen, um ihrem Unmut über die jüngsten Bestrebungen der Regierung in puncto Abtreibung Luft zu machen. Jetzt meldet sich auch der Leiter des türkischen Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Mehmet Görmez, zu Wort. Eine Unterstützung ist er den Protestierenden allerdings nicht. Seiner Ansicht nach hätten Eltern kein Recht das Leben eines Fötus zu beenden. Dieser hätte sein eigenes Recht auf Leben.

Görmez bezog zum derzeit heftig diskutierten Thema Abtreibung während eines Treffens der Muftis in Sakarya Stellung. Seiner Meinung nach hätten Eltern laut islamischen Glauben kein „Eigentumsrecht“ an einem Fötus. Demzufolge hätten sie auch kein Recht dessen Leben zu beenden. „Also hat auch eine schwangere Mutter nicht das Recht der Autorität zu sagen: ‚Dieser Körper gehört mir, ich kann ihn benutzen, wie auch immer ich will. Ich kann beides haben, ein Baby und es loswerden, wenn ich will.‘ Die Mutter ist nicht der wirkliche Besitzer des Fötus, den sie in sich trägt. Sie kann ihn nicht willkürlich töten. Ihre Aufgabe ist es, sich um ihn zu kümmern, ihn zu beschützen und ihn am Leben zu lassen.“ (Erdogans Meinung “Abtreibung ist Mord”, sorgte für einen Aufschrei vor allem unter Frauenrechtsgruppen – mehr hier).

Katholizismus versus Islam: Islam steht auf Seite der Mutter

Im Gegensatz zur katholischen Lehre, darauf weist Görmez außerdem hin, stelle sich der Islam auf die Seite der Mutter, wenn es gilt, eine Entscheidung zu treffen, wenn es darum geht entweder die Mutter oder den Fötus zu schützen. Der Islam, so stellte er heraus, lege viel Wert auf die Gesundheit der Mutter.

„Ich möchte auch auf einen Fehler hinweisen, den viele in Zusammenhang mit diesem Thema gemacht haben. Es ist eine grobe Ungerechtigkeit, dieses Thema als eine Frauen-Frage zu behandeln, da Männer im Laufe der Geschichte immer die größte Verantwortung in dieser Sache getragen haben. Und Frauen sind diejenigen, die am meisten gelitten haben und zu Opfern wurden.“ Görmez stellt aber  auch fest, dass Abtreibung im Islam verboten sei und als Mord betrachtet werde. AlsVerhütungsmittel sei dieser Eingriff ganz und gar nicht geeignet. Allerdings gibt es auch für den Geistlichen Ausnahmen, wenn etwa das Leben der Mutter in Gefahr sei, das Baby bei einer Vergewaltigung gezeugt worden sei oder der Fötus schwerwiegende gesundheitliche Probleme hätte. Dann, so Görmez, sollte das Ganze vor einer abschließenden Entscheidung von Theologen, Psychologen, Psychiatern und Experten der forensischen Medizin  diskutiert und erst dann das Leben des Fötus eventuell beendet werden.

Keine Frau lässt leichtfertig eine Abtreibung vornehmen

Görmez Aussagen zum Thema blieben natürlich nicht ohne Echo aus der politischen Landschaft. Er provozierte die Kritik der führenden Oppositionspartei CHP. So forderte der stellvertretender Fraktionsvorsitzende Akif Hamzaçebi von ihm über die Gründe nachzudenken, die Frauen zu einer Abtreibung bewegen würden. Er stellte heraus, dass sich Frauen einer solchen Prozedur nicht mal eben und so ganz beiläufig unterziehen würden. „Wenn der Herr Präsident eine Botschaft in Richtung der Gesetzgeber senden möchte, so ist diese falsch. Keine Frau hat eine Abtreibung ohne gewichtige Gründe. Es muss Gründe dafür geben. Vorher gab es kein solches Problem [in Bezug auf Abtreibung] in der Türkei: Es kam plötzlich auf die Tagesordnung. Ich frage mich, ob Frauen vor Tausenden Jahren von der Religion ebenso bestraft wurden, wenn sie auf diese Methode zurückgriffen“, so Hamzaçebi. (Das sehen auch viele türkische User so. Online wurde eine Kampagne ins Leben gerufen – mehr hier)

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