„4+4+4“ Schulreform: Erdoğan sichert Kurdisch-Unterricht zu

Der Ankündigung durch den stellvertretenden Ministerpräsdient Beşir Atalay, Kurdisch könnte bald als Wahlfach in türkischen Schulen angeboten werden, folgt nun prompt die Zusage. Premier Recep Tayyip Erdoğan sicherte am vergangenen Dienstag die Einrichtung entsprechender Klassen zu. Den Vorstoß gab er auf einer parlamentarischen Sitzung der AKP bekannt.

Erst vor kurzem gab die türkische Regierung die so genannte „4+4+4“-Schulreform bekannt, die den Schulbesuch türkischer Kinder künftig in je vier Jahre Grund-, Mittel- und Oberstufe einteilt. Mit der Einführung von Kurdisch-Unterricht tritt nun eine weitere Neuerung im Schullehrplan des Landes in Kraft (vor allem im Osten und Südosten des Landes wird eine starke Nachfrage erwartet – mehr hier).

Künftig, so führt Erdoğan aus, werde an jeder Schule, die ein Minimum an Schülern für eine solche Klasse habe, dieser Unterricht auch als Wahlfach angeboten. Darüber hinaus betonte er, dass im Rahmen des neuen Systems, je nach Bedarf und Notwendigkeit, weitere Sprachen auf öffentlichen und privaten Schulen in der Türkei gelehrt werden könnten. Neben Sprachen können die Schüler in Zukunft auch Wahlfächer zur Verbesserung ihres Schreibstils, der Kommunikation oder Präsentation belegen.

Künftig mehr Türkisch-Unterricht in den ersten Schuljahren

Mittlerweile sei der Vorschlag des Bildungsministeriums nach sorgfältiger Recherche internationaler Bildungssysteme – vor allem der EU-Staaten – fast vollständig ausgearbeitet. Insgesamt, so kündigte er an, würden mehr Unterrichtsstunden auf die Schülerinnen und Schüler zukommen. Einige Fächer erführen künftig eine stärkere Betonung, bei anderen werde es zu einer Reduzierung der Stunden kommen. „Derzeit werden in den ersten drei Schuljahren elf Stunden Türkisch pro Woche unterrichtet. In der vierten und fünften Klasse sind es sechs Stunden, in der siebten und achten Klasse fünf Stunden. Jetzt werden in den ersten zwei Jahren 19 Stunden Türkisch gegeben und dann acht Stunden in der dritten und vierten Klasse, sechs Stunden pro Woche in der fünften und sechsten Jahrgansstufe und fünf Stunden in der siebten und achten Klasse“, führt Erdoğan aus.

Auch in den Pflichtfächern hätten sich ähnliche Änderungen ergeben. So würden künftig ab der vierten Klasse die Fächer Menschenrechte, Bürgerrecht und Demokratie obligatorisch. Nach der fünften Klasse könnten die Schüler zudem mindestens vier Wahlfächer dazunehmen, die eine Vielzahl von Interessengebieten etwa in Informatik, Mathematik, Geistes-und Sozialwissenschaften abdecken. Ebenfalls gewählt werden können hier Kurse über grundlegendes religiöses Wissen. Doch auch Schüler anderer Konfessionen würden hier die Gelegenheit haben etwas über ihren Glauben zu erfahren, wie das heute schon für alevitische Schülerinnen und Schüler der Fall sei.

Gültan Kışanak empfindet Kurdisch als Wahlfach als grausam

Die Einführung von Kurdisch-Unterricht sei, so der Premier, das Resultat von Anfragen kurdischer Bürger gewesen. Gleichzeitig warnt Erdoğan, ein wachsames Auge auf jene zu haben, die sich kritisch dazu äußern würden. Und in der Tat meldeten sich bereits die ersten Stimmen zu Wort. So ist die Co-Vorsitzende der BDP, Gültan Kışanak, der Ansicht: „Jeder weiß, dass der grundlegene Erwerb einer Sprache im Alter von sieben bis acht Jahren abgeschlossen ist. Die Muttersprache ist ein Grundrecht. Sie sollte ohne Einschränkungen ununterbrochen genutzt werden. Niemand kann dieses Thema als Verhandlungsgegenstand hernehmen.“ Die BDP fordert, dass kurdische Schüler ausschließlich in kurdischer Sprache unterrichtet werden (erst kürzlich gab es einen Ruf aus der Partei, dass Kurden die AKP verlassen sollten – mehr hier). „Den Menschen ihre eigene Sprache in einem Wahlfach beizubringen ist grausam“, so Kışanak weiter. Ihre Sorge gilt dem Fortkommen der Sprache in künftigen Generationen. Ihrer Ansicht ist das nicht gewährleistet, wenn die Kinder ihre Muttersprache nicht von Grund auf lernen.

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