200 Jahre nach den Brüdern Grimm: Volkssagen aus der Türkei veröffentlicht

Ganz gleich ob Aschenputtel, Rapunzel oder Hänsel und Gretel - Märchen wie diese kennt auch heute noch fast jedes Kind. Einst nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, ist es den Brüdern Grimm zu verdanken, dass diese auch in schriftlicher Form konserviert wurden. Die Erfolgsgeschichte seit dem ersten Band "Kinder-und Hausmärchen" aus dem Jahr 1812 ist legendär. Jetzt gibt es ein solches Vorhaben auch für türkische Folklore.

Ohne Zweifel ist es den beiden Sprachwissenschaftlern und Gründungsvätern der Germanistik, Jacob und Wilhelm Grimm zuzuschreiben, dass jahrhundertealte Märchen und Sagen über die Zeit nicht verloren gingen und auf Grund ihrer kritischen Untersuchung zu Quellen und Entwicklung der Volksmärchen die so genannte „Märchenkunde“ sogar zu einer Wissenschaft erhoben wurde. Ihre Arbeit begannen die beiden um 1803 in Kassel. Doch auch in der Türkei hätten die beiden wahrscheinlich ihre wahre Freude gehabt.

Denn auch dort ist der Schatz an Geschichten reichlich. Jeder kennt die Sagen aus 1001 Nacht, die unzählige Male erst von Disney, später von Hollywood, adaptiert wurden. Aladdin oder Sindbad, der Seefahrer, sind heute mindestens genauso bekannt wie das kleine Rotkäppchen oder das bezaubernde Schneewittchen. Aber sind diese wirklich türkisch? Gerade Touristen, so berichtet die türkische „Zaman“, würden dem Irrtum erliegen von „Baba“, was auf Türkisch „Vater“ heißt, auf den Ursprung der Erzählung zu schließen. Diese Geschichten waren allerdings wohl weder Arabisch noch Türkisch (obwohl 1001 vermutlich aus dem türkischen Begriff „Binbir“ – 1001 – was so viel bedeutet wie „zu viele zu zählen“), sondern stammen aus der persisch-indischen Tradition.

Auf den Spuren der Brüder Grimm – in Anatolien

Dennoch gibt es auch in der Türkei eine starke mündliche Erzähltradition. Als einer der bekanntesten Schauplätze mag hier Anatolien gelten: Die Ilias und Odyssee wurden hier angesiedelt. Während Jason und seine Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Flies über das Schwarze Meer segelten und griechische Helden ihre Abenteuer mitten in der Ägäis erlebten. Mosaike in Ephesus, Gaziantep, Antakya und an unzähligen weiteren Orten, bezeugen noch heute die vielen phantastischen Geschichten von einst. Doch war das schon alles? Exakt 200 Jahre nach den Brüdern Grimm schlägt der türkische Verlag Çitlembik den in Deutschland begonnenen Weg erneut ein. Auch hier lautet das Ziel: Rettung der türkischen Folklore mit einer Sammlung von Volksmärchen aus der Türkei.

An das Vorhaben gewagt hat sich diesmal allerdings eine Autorin im Alleingang. Serpil Ural verbrachte Monate damit in jeder Ecke des Landes zu forschen und sich intensiv in der Folklore-Bibliothek des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus umzusehen. Das Ergebnis ist nun das englischsprachige Buch “From Ağrı to Zelve”. Die Autorin ist sich allerdings schon in ihrer Einleitung bewusst, dass eine Auswahl von 26 Märchen bei weitem nicht ausreichen, um Land und Leute in der Region Anatolien auch nur annähernd zu fassen. Dort, „wo jeder Ort, selbst der kleinste und abgelegenste, seine eigene Geschichte oder Legende zu erzählen hat“.

Märchen und Sagen für Kinder und Erwachsene

Die Sammlung von Ural richtet sich mit seinen zahlreichen, liebevoll gestalteten Illustrationen vor allem an Kinder. Die Geschichten selbst sind auf jeweils zwei Seiten kompriminiert. So dass auch der ungeduldigste kleine Leser es schafft, sich eine Geschichte von Anfang bis Ende durchzulesen. Doch auch die Erwachsenen kommen auf ihre Kosten. So sind jeder Geschichte hilfreiche kulturelle Informationen über die Region aus der die Geschichte stammt, beigefügt. Darüber hinaus wurde sich bemüht, möglichst jedes Genre der Folklore einzubringen. So sind selbstverständlich auch die wohl bekanntesten türkischen Charaktere Karagöz und Hacivat oder Nasreddin Hodja mit dabei. Doch auch die Gänsemagd von Kaz Daglari und die Siebenschläfer von Tarsus finden ihren Platz in der Sammlung, die mit ihren Folksweisen etwa von der Liebe zwischen einem Orangenbaum und einem Zitronenbaum auch Erklärungen für regionale Besonderheiten liefern will.

Folk Tales From Turkey: From Ağrı to Zelve,” by Serpil Ural, published by Çitlembik (2012), TL 25 in paperback ISBN: 978-994442489-9

Mehr zum Thema:

Trauer in der türkischen Literaturszene: Abdürrahim Karakoç ist tot
Shakespeare auf Türkisch: „Antonius und Kleopatra“ feiert Riesenerfolg in London
Ayşe Kulin: Sie ist die bestverdienendste Autorin der Türkei

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.