Türkischer Bürokratie-Wahnsinn: Inhaftierter muss tote Mutter in Leichenhalle verabschieden

Die Geschichte klingt so dramatisch wie tragisch: Ein türkischer Häftling, der seine todkranke Mutter noch einmal sehen wollte, konnte sich am Ende nur noch in der Leichenhalle von ihr verabschieden. Der Grund: Die bürokratischen Mühlen haben zu langsam gearbeitet.

Bereits seit 2007 sitzt der heute 41-jährige Barış Uyanıker wegen Totschlags im Gefängnis. 2009 verlor er seinen Vater. Letzten Monat, so berichtet derzeit die türkische „Hürriyet“, erfuhr er dann auch noch, dass seine 70-jährige Mutter Ayşe Uyanıker ihren Kampf gegen den Lungenkrebs wohl verlieren würde.

Schnell reichte er ein offizielles Gesuch bei der Gefängnisverwaltung in der nordtürkischen Provinz Tokat, wo er seine Strafe verbüßt, ein, um seine todkranke Mutter noch einmal besuchen zu dürfen. Möglich wurde dies durch eine erst kürzlich erlassene Verordnung, die vorsieht, dass Sträflinge ihre Familienangehörigen im Fall eines fortgeschrittenen Stadiums einer unheilbaren Krankheit ein letztes Mal aufzusuchen (PKK-Führer Öcalan wird kein Hausarrest gewährt – mehr hier).

Der lange Weg medizinischer Gutachten

Nachdem Uyanıker seine Bitte schriftlich vorgebracht hatte, begannen die bürokratischen Mühlen auch zu mahlen. Die Gefängnisverwaltung verlangte nach einem medizinischen Bericht über den Gesundheitszustand von Ayşe Uyanıker sowie 1200 Lira, um die Reisekosten für den Sohn abzudecken. Seine Familie brachte sowohl das Geld als auch das Gutachten eines privaten Krankenhauses, in der die Frau behandelt wurde, bei. Doch dann der Schreck: Das medizinische Gutachten wurde von der Staatsanwaltschaft in Tokat nicht akzeptiert, weil es von einer privaten Institution käme. Der Bericht wurde darauf hin an ein staatliches Krankenhaus weitergeleitet, um ihn dort offiziell bestätigen zu lassen und gelangte dann zurück auf den Schreibtisch der Staatsanwaltschaft.

Schließlich folgte der nächste, fatale Schritt: Uyanıker wurde in ein Gefängnis in der Nähe von Çorum verlegt, während er noch immer auf die Genehmigung von der Staatsanwaltschaft in Tokat wartete. Dort angekommen, wiederholte er vor der Gefängnisleitung seinen Wunsch, worauf hin diese die Unterlagen aus Tokat anforderte.

Beerdigung der Mutter musste verschoben werden

Für Uyanıkers Mutter dauerte das alles zu lange. Sie verstarb am vergangenen Mittwoch, den 13. Juni, noch bevor die Papiere ihr Ziel erreichten. Nun wollte Uyanıker wenigstens das Begräbnis miterleben. Doch auch das gelang am Ende nicht. Zunächst sicherte die Gefängnisverwaltung noch zu, dass der Papierkram erledigt werden würde und er am 14. Juni der Beerdigung beiwohnen könne. Und in der Tat: Am frühen Morgen des 14. Juni gegen 3.30 Uhr verließt der Häftling Çorum und kam am Abend gegen 20.00 Uhr in Ankara an. Eine Beisetzung fand dann allerdings trotzdem nicht statt. Diesmal waren es die hiesigen Behörden, die das nach 18.00 Uhr nicht mehr gestatten wollten und die Familie zwangen das Begräbnis auf den nächsten Tag zu verschieben.

Die endgültige Crux: Die Staatsanwaltschaft erklärte, dass die Genehmigung von Uyanıker nur für diesen einen Tag gültig und dass es ihm nicht gestattet sei der Beerdigung am nächsten Tag beizuwohnen. Das Ende der tragischen Geschichte: Uyanıker war gezwungen in der Leichenhalle von seiner Mutter Abschied zu nehmen und dort ein letztes Gebet für sie zu sprechen (in Argentinien überlebte ein totgeglaubtes Baby zwölf Stunden im Kühlhaus – mehr hier). Ayşe Uyanıker wurde schließlich erst am 16. Juni beigesetzt – ohne die Anwesenheit ihres Sohnes.

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