Jet-Abschuss in dicht überwachtem Gebiet: Warum hat keiner die syrische Attacke gesehen?

Das östliche Mittelmeer steht - rein militärisch betrachtet - unter strenger Beobachtung. Doch wo waren die internationalen Wächter am vergangenen Freitag? Noch immer klaffen die Versionen der Türkei und Syrien weit auseinander. Einen Krieg, das scheint mittlerweile gewiss, wird es allerdings nicht geben. Doch wie wird das weitere Handeln der Türkei nun aussehen?

Jet-Abschuss durch Syrien: Welche Nationen haben zugesehen? (Foto: Official U.S. Navy Imagery/flickr)

Jet-Abschuss durch Syrien: Welche Nationen haben zugesehen? (Foto: Official U.S. Navy Imagery/flickr)

Mit Spannung wird die heutige Ansprache des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan an die Regierungspartei AKP erwartet, in der von ihm wichtige Aussagen hinsichtlich der nächsten Schritte nach dem Jet-Abschuss durch Syrien am vergangenen Freitag erwartet werden.

Seit dem Zwischenfall am 22. Juni laufen die diplomatischen Drähte auf Hochtouren. Einer Kabinettsitzung mit allen drei Oppositionsparteien am Montag, gingen ein Treffen mit ausländischen Botschaftern in Ankara am Sonntag und ein außerordentliches Sicherheitstreffen am vergangenen Samstag voraus. Alle Augen richten sich nun nicht nur auf das für diesen Dienstag anberaumte Nato-Treffen in Brüssel, sondern in erster Linie auf eine Person: Erdoğan (der Abschuss wurde bereits als “feindseliger Akt” gewertet – mehr hier).

Bisher scheint klar, einen Krieg mit Syrien will die Türkei nicht anzetteln. Der Vorfall solle allerdings als Angriff auf das Nato-Verteidigungsbündnisses gewertet werden. Darauf will man auf der heutigen Nato-Sondersitzung drängen. Hierzu erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc: „Was immer getan werden muss, wird mit Sicherheit innerhalb des Rahmens des internationalen Rechts getan werden. Wir haben nicht die Absicht, gegen irgendjemanden in den Krieg zu ziehen, wir haben eine solche Absicht nicht.“

Türkei kennt minutiöse Details des Jet-Abschusses

Unterdessen scheinen die Türken mittlerweile sehr gut darüber informiert, was sich da vor wenigen Tagen am Himmel über dem Mittelmeer abgespielt hat. In einem TV-Interview mit “TRT” gab Außenminister Ahmet Davutoğlu bereits am 24. Juni detailliert über die Ereignisse Auskunft. Und während das Schicksal der beiden türkischen Piloten immer noch ungeklärt ist, rekonstruieren nun auch die Medien das dramatische Ereignis Minute für Minute. Wie die “Hürriyet” berichtet, soll die unbewaffnete und mit offener ID fliegende F4 “Phantom” exakt um 11:56 Uhr am 22. Juni abgeschossen (zu dieser Zeit brach der Funkkontakt ab) und um 11:58 Uhr ins Meer gestürzt sein (jetzt verschwindet die Maschine vom Radar), wo sie dann in syrisches Hoheitsgebiet abglitt. Mittlerweile wurden alle chronologischen Daten, inklusive Radar- und Funkaufzeichnungen, auch an die Nato-Verbündeten sowie die Vereinten Nationen übergeben (die EU-Minister beschlossen neue Sanktionen – mehr hier).

Doch abgesehen von unterschiedlichen Versionen über den Hergang und die Legitimität des Abschusses (Syrien beharrt auf seinem Standpunkt – mehr hier), hat der Vorfall für die türkischen Medien einen weiteren, faden Beigeschmack. Denn tatsächlich ereignete sich der Angriff vor vielen Augenzeugen. Immerhin gilt die nördliche Ecke des östlichen Mittelmeerraums als einer der kondensiertesten Orte der Welt, wenn es zu militärischen und nachrichtendienstlichen Aktivitäten kommt. So gibt es am Stützpunkt in Malatya, dem Erhaç Fliegerhorst, ein großes Frühwarn-Radarsystem für das NATO-Raketenschild Abwehrsystem, welches erst nach dem NATO-Gipfel im vergangenen Mai aktiviert wurde und eines der wichtigsten Themen zwischen den Vereinigten Staaten und Russland wurde.

Militär und Geheimdienste in der Region sehr gut vertreten

Doch damit nicht genug. In Tartus, südlich der syrischen Stadt Latakia, wo auch das türkische Flugzeug abgeschossen wurde, liegt auch Russlands wichtigster Flottenstützpunkt im Mittelmeer – ausgestattet mit erheblichen sicherheitsdienstlichen Möglichkeiten. Daneben gibt es die NATO-Basis Incirlik, im Süden der Türkei. Sie ist weltweit eine der größten ihrer Art und liegt nördlich von Tartus. Daneben ist Großbritannien mit der Dikelia Basis im Westen vertreten. Ebenfalls eine bedeutende militärische und geheimdienstliche Anlage, die ihren Blick auf den Suez-Kanal und die Ägäis richtet. Im Süden des Gebiets befindet sich zudem Israel. Ein Land, dem selbstredend nichts in seiner Region entgeht.

Alles in allem bleibt zudem festzuhalten, dass das betreffende Gebiet für alle Nationen, die über Satelliten verfügen wohl zu einem der attraktivsten Beobachtungspunkte der Erde gehört. Es bleibt also die Frage: Ist es möglich, diesen Angriff nicht zu sehen, obwohl es drumherum jede Menge “Zeugen” gibt? Und ist es überhaupt möglich, die Wahrheit unter solchen Umständen zu verbergen?

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