„Eine Entscheidung gegen Religion allgemein“

Mit dem Beschneidungs-Urteil wurde eine Grundsatzfrage aufgeworfen, sagt Professor Yaşar Bilgin von der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung e.V.. Es müsse nun geklärt werden, wie weit die Mündigkeit von Kindern gehe – auch im Fall von anderen Eingriffen. Das Urteil hat für ihn darüber hinaus eine politische Dimension, da über einen medizinischen Aspekt eine Art Assimilation herbeigeführt werde.

„Es geht hierbei nicht um Beschneidung“, erklärt Professor Yaşar Bilgin, Facharzt für Kardiologie. Denn diese verbiete das Urteil des Kölner Landgerichts überhaupt nicht. Vielmehr habe das Urteil eine Grundsatzfrage in Deutschland aufgeworfen. „Wir müssen jetzt diskutieren, wie weit die Mündigkeit des Kindes geht“ sagt er im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten.

Die Eltern treffen für ihre Kinder viele Entscheidung, die nicht immer vorteilhaft für diese sind. „Was ist mit Impfungen“, fragt er. Auch hier gibt es viele Gegner und Einzelfälle, bei denen Impfungen zu schweren Schäden geführt haben. „Genauso sieht es im Fall von Beschneidungen oder anderen medizinischen Eingriffen wie beispielsweise Zahnoperationen bei Kindern aus“, erklärt Bilgin. Trotz einzelner Zwischenfälle, können Eltern für ihre Kinder entscheiden, ohne auf ihre Mündigkeit zu warten.

Noch immer seien sich Ärzte nämlich nicht über Vor- und Nachteile einer Beschneidung einig. Er selbst verweist neben hygienischen Vorteilen für die Männer selbst auch auf den statistisch bewiesenen Vorteil bei Frauen. In Ländern, in denen der Großteil der Männer beschnitten sei, käme es zu bedeutend weniger Fällen von Gebärmutterhalskrebs. „Das Argument der Körperverletzung trifft bei einer Beschneidung nicht zu“, sagt Bilgin mit Nachdruck, da keinerlei Nachteile für den Betroffenen entstehen. Strafrechtlich ist in Deutschland stellt zunächst auch jeder ärztliche Heileingriff den Tatbestand einer Körperverletzung dar. Allein durch die Einwilligung des Patienten ändert sich das. Warum werde nicht auch das Stechen von Ohrlöcher bei Kindern verboten, fragt sich Bilgin in diesem Zusammenhang. Auch hier werden Veränderungen am Körper des Kindes durchgeführt, ohne das dies mündig ist.

Aus diesem Grund hat hür ihn das Urteil vor allem politischen Charakter. „Das ist keine Entscheidung gegen Muslime oder Juden, sondern gegen Religion allgemein“, so Bilgin. Dass sich der Staat so weit in die persönliche Ausübung des Glaubens einmische, könne er nicht nachvollziehen.

Im Islam sei die Beschneidung zwar keine Pflicht wie das Gebet oder das Fasten. Als symbolischer Akt, werde diese aber nicht nur von gläubigen Türkisch- oder Arabischstämmigen durchgeführt. „Selbst wer Schweinefleisch isst oder Alkohol trinkt lässt seine Söhne meist beschneiden“, erklärt er. Doch im Falle der jüdischen Bevölkerung sei das Urteil noch dramatischer, sagt er. Mit der Beschneidung wird das Kind in den heiligen Bund aufgenommen, den Abraham mit Gott durch seine Beschneidung einging. „Das bedeutet, man würde ihnen ihre Seele nehmen“, sagt Bilgin. Menschen an der Ausübung eines Grundpfeilers ihrer Religion zu hindern, sei eine äußerst „unsensible Entscheidung“ getroffen worden.

Genau wie im Falle der Länder, in denen Abtreibung verboten sei, sei nun mit illegalen Eingriffen in Deutschland und mit Beschneidungen im Ausland zu rechnen.

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