„Wir wollen keine Religionsgemeinschaften diskriminieren“

Das Urteil des Landgerichts Köln verbietet nicht die religiös motivierte Beschneidung, sondern verlangt einen Aufschub dieser, erklärt Kinderchirurg Professor Maximilian Stehr. Zirkumzisionen an Kindern widersprechen seinem Berufsethos und sind für ihn ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Kindes.

Professor Maximilian Stehr ist gegen Beschneidungen bei Kindern, die nicht medizinisch notwendig sind, denn als Arzt widerspreche das seinem Berufsethos. Auf das Urteil des Kölner Gerichts (hier) haben sowohl Juden als auch Muslime heftig reagiert. Doch das sei gar nicht die Absicht des Urteils, so Stehr. Es gehe nicht um ein Verbot von religiös motivierten Beschneidungen, sondern lediglich um einen Aufschub. „Wenn Eltern mit ihren 14 oder 16-Jährigen Söhnen zu mir kommen und auch der Jugendliche die Zirkumzision will, dann habe ich überhaupt nichts dagegen“, erklärt er im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten.

Professor Maximilian Stehr ist Vorsitzender der AG Kinderurologie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) und hat schon 2008 in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt dafür plädiert, dass Ärzte Beschneidungen, die nicht medizinisch notwendig sind, ablehnen sollten (gemeinsam mit Strafrechtler Holm Putzke – mehr hier). Seitdem werden am Münchener Dr. von Haunerschen Kinderspital nur noch medizinisch notwendige Zirkumzisionen durchgeführt.

Er betont, dass es dabei nicht um die „Diskriminierung von Religionsgemeinschaften, Bräuchen oder Ritualen“ gehe. „Es geht nur darum, wie man den Wert der Unversehrtheit und des Selbstbestimmungsrecht von Kindern einordnet. Und das ordnen wir heute möglicherweise anders ein als noch vor hundert oder gar tausend Jahren“, so Stehr.

In persönlichen Gesprächen mit muslimischen und jüdischen Mitbürgern habe er erfahren, dass dem Kind durch einen Aufschub der Beschneidung auch „keine sozialen Nachteile wie ein Religionsausschluss“ entstünden. Gerade die Neugeborenen-Beschneidung berge aber Risiken für nachfolgende Komplikationen. Eine spätere Beschneidung z.B. von Jugendlichen sei dagegen diesbezüglich gleichzusetzen mit der eines Erwachsenen. „Deshalb sehe ich keinen Grund für eine notwendige frühe Beschneidung“, sagt Stehr.

Er schätzt, dass in Deutschland maximal vier Prozent aller Knaben und Männer aus medizinischen Gründen beschnitten werden. Insgesamt wird in Deutschland die Zahl der beschnittenen Männer aber auf ca. zehn bis zwanzig Prozent, möglicherweise auch höher, geschätzt. Diese Zahlen sind allerdings nicht bestätigt, denn eine Zirkumzision ist nicht meldepflichtig.

Vorteile einer Beschneidung sieht er in Ländern mit hohen Hygienestandards nicht. „Demgegenüber stehen einige Nachteile: Das direkt operative Risiko, es kann zu Nachblutungen – wie in dem Fall, auf dem das Urteil basiert – kommen, Langzeitfolgen wie eine Verengung der Harnröhrenöffnung, Oberflächenveränderung der Eichel und ähnliches können entstehen“, so Stehr. „Bei Neugeborenen und Säuglingsbeschneidungen in bis zu 20%!“ Manchmal sei dann auch noch eine Folgeoperation notwendig.

Er ist sich bewusst, dass es in Folge des Urteils zu illegalen Zirkumzisionen oder zu Beschneidungstourismus kommen könne. Doch er betont: „Ich kann doch nicht ein Übel tolerieren, um ein andere Übel zu verhindern. Wenn ich als Arzt sage, dass ich keine nicht-medizinisch-indizierten Beschneidungen durchführe und die Eltern dann zu jemand anderem gehen, bei dem sie schlecht behandelt werden, ist das noch lange kein Argument.“

Auch er hat Eltern kennengelernt, die auf eine Ablehnung der Beschneidung durch den Arzt mit Unverständnis reagiert haben. Doch meistens sei das anders: „Viele können das allerdings nachvollziehen und sagen: ‚Wir können noch warten‘.“

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