Gut 10.000 Verkehrstote pro Jahr: Türkische Autofahrer achten wenig auf Sicherheit

Verkehrsunfälle in der Türkei fordern Jahr für Jahr gut 10.000 Todesopfer. Geschuldet ist das oftmals aber nicht nur schlechten Straßenbedingungen oder dem Zustand der Fahrzeuge, auch die Mentalität der Verkehrsteilnehmer trägt maßgeblich zu diesem erschreckenden Ergebnis bei.

„Es gibt wirklich keine Kultur der Sicherheit im Straßenverkehr in der Türkei. Sie ist einfach noch nicht Teil der Mentalität“, erklärt Dr. Etienne Krug von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Darüber hinaus verursache, darauf wies Innenminister İdris Naim Şahin kürzlich hin, die Nichteinhaltung der Verkehrsregeln hohe Kosten. Die gesamten durch Verkehrsunfälle im vergangenen Jahr bedingten sozio-ökonomischen Kosten beliefen sich auf 16.5 Milliarden Lira.

Krug, WHO-Beauftragter für Unfall- und Gewaltprävention, war am 26. und 27. Juni in der Türkei zu Gast, um sich über ein kürzlich in der Türkei implementiertes Projekt zur Steigerung der Verkehrssicherheit auszutauschen. Aus seiner Überraschung über seine gewonnenen Erkenntnisse über den türkischen Verkehr und seine Teilnehmer machte er keinen Hehl. Mit Bezug auf Ankara sagte er gegenüber der türkischen Zeitung „Zaman“: „Ich bin wirklich betroffen, so eine moderne Stadt zu sehen, in der so wenige Leute einen Sicherheitsgurt anlegen.“ (erst kürzlich lieferte sich in Istanbul ein nicht im Dienst befindlicher Polizist eine wilde Verfolgungsjagd mit einem weiteren Fahrzeug – mehr hier)

„Kein Sicherheitsgurt und überhöhte Geschwindigkeit“

In der türkischen Hauptstadt greifen nur 22 Prozent der Autofahrer zum Sicherheitsgurt. Unter den Mitfahrern sollen es sogar noch weniger sein. In Genf, wo er selbst lebt, ist das ganz anders. Hier liegt die Quote bei 95 Prozent. Insgesamt liegt der europäische Durchschnitt bei rund 90 Prozent. „Darüber gibt es keine große Diskussion. In Europa tragen alle einen Sicherheitsgurt“, stellt Krug den scharfen Kontrast heraus. Es ist unbestritten: Das Tragen eines Sicherheitsgurtes rettet Leben. Ohne ihn steigt das Todesrisiko bei einem Crash um satte 60 Prozent an. Gerade mit Blick auf die Türkei sollten diese Werte alarmieren. Denn gerade die Kombination „Kein Sicherheitsgurt und überhöhte Geschwindigkeit“ gilt als eine der Hauptgründe für Tote und Verletzte im türkischen Straßenverkehr.

Nichtsdestotrotz haben türkische Autofahrer in den vergangenen Jahren auch einige Fortschritte gemacht. Durch verschiedene Projekte konnte die Zahl der Verkehrstoten bereits gesenkt werden. Zum Vergleich: Während in den letzten zehn Jahren die Zahl der Verkehrsunfälle um 179 Prozent und die Zahl der Verletzten um 105 Prozent gestiegen ist, ging die Zahl der Todesopfer um acht Prozent zurück. Und noch konkreter: Im Vergleich zu 2010 sank die Zahl der tödlichen Unfälle in der Türkei im vergangenen Jahr um 3,6 Prozent. Und auch die Anzahl der Menschen, die ihr Leben verloren, sank um 5,2 Prozent.

Türkei beteiligt sich am „Road Safety Project“

Über 90 Prozent der Todesfälle und Verletzungen im Straßenverkehr ereignen sich in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen, wo sich 48 Prozent der weltweit registrierten Fahrzeuge befinden. In Ländern mit mittlerem Einkommen, wie der Türkei, China, Brasilied und Indien vollzieht sich derzeit ein rasanter Entwicklungsprozess. Die Anzahl der Straßen, Autos und Fahrer erhöht sich deutlich. Ein Prozess, wie Krug anmerkt, der gewöhnlich nicht mit mit Maßnahmen einhergehe, die eine Kultur der Sicherheit etablierten. Solange diese nicht in den Köpfen der Menschen verankert sei, würden sie rasen, keinen Gurt anlegen und trinken, obwohl sie sich ans Steuer setzen (in einer türkischen Stadt wurde jetzt aus diversen Gründen mit einem Alkoholverbot reagiert – mehr hier). Auch Fatalismus scheint hierbei, so Krug weiter, eine Rolle zu spielen. „In vielen Ländern gibt es immer noch Fatalismus. Die Menschen sehen das als den Preis an, den sie zu zahlen hätten, wenn sie ein modernes Land mit mehr Straßen und Fahrzeugen werden.“

Um den aktuellen Zahlen entgegenzuwirken, ist die Türkei bereits im Juni 2010 im Rahmen des so genannten „Road Safety Project“, das von der WHO koordiniert und von der Bloomberg Foundation finanziert wird, gemeinsam mit neun anderen Staaten aktiv geworden. Zusammen sind die zehn beteiligten Staaten – die Türkei, Mexiko, Brasilien, Ägypten, Kenia, China, Indien, Kambodscha, Vietnam und Russland – für 60 Prozent aller Todesfälle durch Verkehrsunfälle verantwortlich.

Türkei: Gesetze werden nicht strikt durchgesetzt

Das Problem speziell in der Türkei hängt auch mit der Durchsetzung der bestehenden Gesetze zusammen. Es ist allgemein bekannt, dass sich in Europa lebende Türken strikt an die dort herrschenden Regeln halten. Anders als ihre Verwandten in der Türkei, wo eine liberalere Situation im Straßenverkehr herrscht. Der Grund: In Europa lebende Türken wissen, dass die bestehenden Gesetze strikt durchgesetzt werden. Die Chance hier ungeschoren davon zu kommen ist sehr gering. In der Türkei, so fasst Krug zusammen, sehe das allerdings ganz anders aus: „Die Gesetzgebung ist zwar mehr oder weniger völlig ausreichend, aber sie wird nicht durchgesetzt. Sicherheitsgurte sind Pflicht, aber wie viele Menschen tragen sie in der Türkei?“

Verkehrsunfälle gehören weltweit zu den Hauptursachen für Todesfälle und Verletzungen. Fast 1,3 Millionen Menschen sterben jedes Jahr auf den Straßen der Welt und 20 bis 50 Millionen Menschen erleiden nicht tödliche Verletzungen. Wenn dieser Trend anhält, werden Verkehrsunfälle bis zum Jahr 2030, so wird zumindest prognostiziert, die fünft häufigste Todesursache mit bis zu 2,4 Millionen Todesfällen pro Jahr werden.

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