Flutkatastrophe von Samsun: Welche Schuld trägt die Regierung?

Zivilgesellschaftliche Gruppierungen und die Opposition haben die türkische Regierung scharf für ihre Rolle in der Flutkatastrophe von Samsun kritisiert. Die schweren Regenfälle hatten zahlreiche Tote und einen hohen Materialschaden gefordert. Im Fadenkreuz steht vor allem ein neuer Wohnkomplex, der von der türkischen Wohnungsbaubehörde TOKİ errichtet wurde und eventuell zu nah am Flussufer stand.

Insgesamt sechs der zehn Todesopfer von Samsun, so heißt es derzeit in den türkischen Medien, hätten in der erst zwei Jahre alten North Star Wohnanlage in Canik, die von der TOKİ als moderner Lebensraum umworben wurde, gelebt. Doch ausgerechnet ihre Lage in der Nähe des über die Ufer getretenen Flusses Mert wurde den Bewohnern nun zum Verhängnis. Einige starben, der Rest sieht sich mit immensen Materialschäden konfrontiert (unter den Toten waren auch kleine Kinder – mehr hier).

Stand die TOKİ-Wohnanlage zu dicht am Fluss Mert?

Der Standort der Wohnanlage direkt neben dem Fluss Mert war falsch, heißt es jetzt von Seiten einiger Stadtplaner und anderer Kritiker. Andere geben sich diesbezüglich defensiver. So ist etwa der Minister für Stadtplanung, Erdoğan Bayraktar, der Ansicht, dass es in einem ähnlichen Fall warscheinlich sogar mehr Tote gegeben hätte, würden hier keine TOKİ-Häuser stehen. Fehler seien innerhalb des TOKİ-Projekts nicht gemacht worden. Gegenüber Reportern in Samsun sprach er am vergangenen Donnerstag sein Beileid an die Familien aus und betonte, dass das die schlimmste Flut in den letzten fünf Jahrhunderten gewesen sei. Der einstige TOKİ-Chef erklärte, dass die Häuser in einem ausreichenden Abstand vom Fluss gebaut wurden, sagte aber gleichzeitig eine gründliche Untersuchung zu. Alle jetzt notwendigen Maßnahmen würden eingeleitet werden. Falls es Verantwortliche für diese Katastrophe gebe, „inklusive mir“, so Bayraktar weiter, so würden diese bestraft werden.

Etwas anders sieht das zum Beispiel Ahmet Altan, Chefredakteur der Zeitung „Taraf“. In einem Artikel brachte er seine Wut über die Todesfälle, aber auch über das mangelnde Verantwortungsbewusstsein Offizieller in ihren Erklärungen zur Naturkatastrophe zum Ausdruck. „Sie bauten die Häuser auf einem Flussbett. Sie eröffneten die Häuser mit Zeremonien. Sie klopften sich selbst dafür auf die Schultern. Warum haben sie sich für dieses Gebiet entschieden? Befand sich das Land in Staatsbesitz oder haben sie es von irgendjemandem gekauft? Warum haben sie sich ein Flussbett ausgesucht? Wahrscheinlich weil sie nicht diejenigen waren, die in den Häusern leben wollten.“

Tragen Erdoğan Bayraktar und TOKİ die Verantwortung?

Auch CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu war am vergangenen Donnerstag vor Ort, um sich einen Überblick über das Ausmaß der Schäden zu verschaffen und die Flutopfer zu besuchen. Auch er nahm Anstoß an der dichten Flusslage und erklärte, dass Beamte Bauherren nicht selten vor solchen Vorhaben warnen. Doch wer beschwere sich, wenn die Regierung das Gleiche tue? Kılıçdaroğlu kündigte eigene Untersuchungen seiner Partei an. Man werde untersuchen, ob die Opfer das Recht auf Entschädigung hätten. Ins gleiche Horn bläst seine Fraktionsvorsitzende Emine Ülker Tarhan. Auch sie sieht die Verantwortung bei Erdoğan Bayraktar und TOKİ – und das nicht nur in Samsun. „Die einzige Sorge derjenigen, die die Natur zerstören, ist es, wie sie noch mehr Geld machen, wie sie diesmal davon kommen und die Menschen das vergessen machen können. Doch diejenigen, die betroffen sind, werden das nicht vergessen. (…) Unsere Leute wurden durch einen Mord umgebracht, den sie Flut nennen.“

Derweil veröffentlichte die KAŞİF, ein lokaler Zusammenschluss von Geschäftsleuten, eine Erklärung zur Katastrophe. Darin forderte deren Präsident Osman Reis sofortige staatliche Kompensationen für die Opfer. Allein in der Schwarzmeer-Region seien in den vergangenen drei Jahren 35 Menschen bei Überschwemmungen gestorben. Er drängt nun die Behörden, Gebiete, die massiv von Überflutungen bedroht seien, entsprechend auszuweisen. „Es braucht nun radikaler Maßnahmen und eine kompromisslose Durchsetzung dieser, um künftige Tote zu verhindern.“ (im vergangenen Herbst wurde ein Ort komplett von der Landkarte gefegt – mehr hier)

Eine Person wird noch immer vermisst

Auch am vergangenen Donnerstag regnete es in der Region weiter. Drei Familien, die in einem Dorf in der Nähe von Ayancık gestrandet waren, mussten mit einem Militär-Helikopter gerettet werden. Unterdessen wurden einige der Flutopfer vor Ort zu Grabe getragen. Andere wurden in ihre Heimatgemeinden überstellt. Am Donnerstagnachmittag wurde noch immer eine Person vermisst. Sowohl die Mutter als auch die Schwester des Vermissten sind bereits in den Fluten ertrunken.

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