CHP-Abgeordnete: Alevismus als Religion zu bezeichnen, ist eine Provokation

Die Istanbuler CHP-Abgeordnete Sabahat Akkiraz, selbst Alevitin, hat erklärt, dass die Bezeichnung von Alevismus als Religion eine Provokation darstelle. Damit reagiert die Politikerin auf Hüseyin Aygün, CHP-Abgeordneter aus Tunceli, der nach einem Cemevi im türkischen Parlamentsgebäude verlangt. Grundlage seiner Argumentation: Alevismus sei eine eigenständige Religion.

Aygün, so berichten derzeit die türkischen Medien, habe im vergangenen Mai bei der parlamentarischen Kommission für Menschenrechte einen formellen Antrag eingereicht. Darin forderte er ein eigens alevitisches Versammlungs- und Gotteshaus, in Deutschland gemeinhin auch als Cemhaus bezeichnet, innerhalb des türkischen Parlamentsgebäudes. Parlamentssprecher Cemil Çiçek beantwortete das Gesuch am vergangenen Montag mit einer schriftlichen Erklärung, in der er den Wunsch des Abgeordneten zurückwies. Çiçek erklärte, dass das Gotteshaus für Muslime die Moschee sei und dass das Alevitentum ein kultureller Schatz sei, der aus dem Islam hervorgegangen wäre.

In seiner Antwort an Çiçek argumentierte Aygün am Tag darauf, dass „das Alevitentum eine Religion und ihre Kultstätte der Cemevi“ sei. Diese Sichtweise stieß nun bei Akkiraz auf harsche Ablehnung. „Alevismus als Religion zu bezeichnen ist ein großer Fehler und eine Provokation. Es besteht kein Unterschied, ob man das Alevitentum als Religion oder Aleviten als blasphemisch bezeichnet.“ Bereits ihr gesamtes Leben lang würde sie für die Anerkennung von Cemevis kämpfen. Nie habe sie jedoch vom Alevitentum profitieren wollen. Falls also jemand Verwirrung in den Köpfen der Menschen stiften wolle, sollte das tunlichst untersagt werden (Zum neuen Schuljahr 2011/2012 wurde in den türkischen Religionsbüchern erstmals das Alevitentum behandelt – mehr hier).

Eigene Religion? Auch Aleviten sind uneins

In der Türkei sind derzeit schätzungsweise etwa 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung Aleviten. Die offiziell-staatliche Statistik weist jedoch 99,8 Prozent Muslime aus. Eine Hauptforderung der alevitischen Bevölkerung ist die Anerkennung der Cem-Stätten als Ort der Religionsausübung und damit eine defacto Gleichstellung mit den Moscheen. Ob es sich um eine eigenständige Religion handelt oder nicht, darüber herrscht auch unter den Aleviten Uneinigkeit. So sieht die Gruppe der „modernen Aleviten“ das Alevitentum als Teil des Islams. Die andere Gruppe von Aleviten mit politischer Unterstützung durch islamisch geprägte Interessengemeinschaften sieht sich in erster Linie jedoch als Muslime. Eine dritte Gruppe sieht das Alevitentum als eigenständige Religion und beharrt wie erstere auf den Unterschieden zwischen Sunniten und Aleviten (Ende 2011 traff Davutoğlu Aleviten und Christen in Deutschland – mehr hier).

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