Gebärdensprache: Türkei will ihr eigenes Wörterbuch herausbringen

Das türkische Bildungsministerium plant ein eigenes Wörterbuch für türkische Gebärdensprache herauszubringen. Darin enthalten sein sollen 1,986 Wörter und besondere türkische Redewendungen.

Gehörlose in der Türkei haben im Augenblick noch das Nachsehen. Das soll sich jetzt allerdings ändern. (Foto: sicoactiva/flickr)

Gehörlose in der Türkei haben im Augenblick noch das Nachsehen. Das soll sich jetzt allerdings ändern. (Foto: sicoactiva/flickr)

Das neue Wörterbuch wurde, so Bildungsminister Ömer Dinçer, im vergangenen Jahr gemeinsam von der türkischen Sprachgesellschaft, Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftlern und Ministeriumsberatern erarbeitet. „Sie haben das türkische Wörterbuch für Gebärdensprache zusammengestellt. Wir werden den Entwurf in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit vorstellen. Es wird das Gebärdensprache-Wörterbuch der Türkei sein“, so Dinçer weiter, der hinzufügt, dass diesem Entwurf noch durch Eingaben aus der Öffentlichkeit, anderer Wissenschaftler und NGOs ergänzt und dann veröffentlicht werden würde.

Türkische Gehörlose griffen auf andere Wörterbücher zurück

„Bisher gab es für Menschen mit einem Hörschaden kein eigenes Alphabet oder Wörterbuch. Es gab auch keine keine zertifizierten Ausbilder für Gebärdensprache. Seit meinem Amtsantritt als Minister habe ich an diesem Problem gearbeitet“, stellt Dinçer die Notwendigkeit für eine solche Zusammenstellung heraus. „Dieses Wörterbuch wird bei der Ausbildung von schwerhörigen Menschen zum Einsatz kommen“, erklärt der Minister weiter. Bisher seien die Menschen in der türkischen Hörgeschädigten-Community dazu gezwungen gewesen, Wörterbücher zu verwenden, die eigentlich für andere Länder konzipiert worden waren. „Jetzt allerdings haben wir ein eigenes Wörterbuch zusammengestellt mit dem wir eigene Standards setzen können.“

Wie Dinçer weiter ausführt, habe sein Ministerium in der südtürkischen Provinz Antalya einen Kurs für Hörgeschädigte organisiert, der auf dem neuen Wörterbuch basiert. Um zu verdeutlichen, mit welchen Problemen hörgeschädigte Menschen konfrontiert sind, erzählt der Minister von folgender Begebenheit: „Ich habe jemanden getroffen, der auf Grund seiner Behinderung nicht vor die Tür gehen konnte. Um ehrlich zu sein, war ich tief bewegt.“ (insgesamt muss sich die Wahrnehmung Behinderter Menschen in der Türkei ändern – mehr hier)

Als Gebärdensprache wird eine eigenständige, visuell wahrnehmbare natürliche Sprache bezeichnet, die insbesondere von gehörlosen und schwerhörigen Menschen zur Kommunikation genutzt wird. Gebildet wird sie aus kombinierten Zeichen, den so genannten Gebärden, die vor allem mit den Händen, in Verbindung mit Mimik und einem Mundbild, bei dem Wörter oder Silben lautlos gesprochen werden, und im Kontext mit der Körperhaltung. Die Gebärdensprachen unterscheiden sich dabei von Land zu Land. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Daneben gibt es auch eine internationale Gebärdensprache, die etwa auf Konferenzen zum Einsatz kommt (im Zusammenhang mit der türkischen Schulreform soll jetzt auch Kurdisch unterrichtet werden – mehr hier).

Gebärdensprache in der Türkei: Keine einheitliche Standards

In der Türkei gibt es die so genannte Türk İşaret Dili (TİD), die türkische Gebärdensprache. Sie hat eine einzigartige Grammatik, die sich von der gesprochenen türkischen Sprache abgrenzt. Bei einer Erhebung im Jahr 2000 wurden in der Türkei 89.043 Gehörlose gezählt. Exakte Zahlen hierzu, die UN geht heute sogar von 2,5 Millionen aus, gibt es laut der Koç University allerdings nicht. Jedoch weist auch sie darauf hin, dass die Türkei in vielen Aspekten manch westlichen Ländern um gut 50 Jahre hinterher hinkt. Nennenswerte Ausbildungs- oder gar wissenschaftliche Materialien zum Thema seien so gut wie nicht vorhanden. Von Grammatik- und Wörterbüchern oder einheitlichen Standards in den verschiedenen Schulen ganz zu schweigen.

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