Stipendienprogramm für Migranten: „Integrationsarbeit ist keine Showveranstaltung!“

Die Deutschlandstiftung Integration will mit dem Stipendienprogramm „Geh’ Deinen Weg“ die Zugangschancen von Menschen mit Migrationshintergrund zu Bildung, Arbeit und sozialer Teilhabe fördern. Bewusst hat man sich für eine bestimmte Zielgruppe entschieden - mit Vorbildfunktion. Bis zum 31. Juli können sich Interessierte noch dafür bewerben

Zwei Jahre lang sollen Mentoren bis zu 150 junge Menschen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 16 und 29 Jahren mit Rat und Tat zur Seite stehen und Türen öffnen. (Foto:  danceinthesky/flickr)

Zwei Jahre lang sollen Mentoren bis zu 150 junge Menschen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 16 und 29 Jahren mit Rat und Tat zur Seite stehen und Türen öffnen. (Foto: danceinthesky/flickr)

Das Ziel von „Geh’ Deinen Weg“ fasst Mikolaj Ciechanowicz, Leiter des Stipendienprogramms, auf Nachfrage der Deutsch Türkischen Nachrichten in drei Sätzen so zusammen: „Mit dem Programm möchten wir talentierten jungen Menschen, die aufgrund ihres Migrationshintergrunds nicht immer über Kontakte und breite Netzwerke verfügen, den Start in ein erfolgreiches Berufsleben ermöglichen. Es ist gleichzeitig eine Anerkennung für eine gelungene Integrationsleistung, die jeder von unseren Stipendiaten auf seinem oder ihrem Weg erbracht hat.“ (Immer mehr Ausländer machen in Deutschland Abitur.Das Argument der gescheiterten Integration habe deshalb keine Grundlage mehr, sagt Integrationsforscher Klaus Bade – mehr hier)

Zwei Jahre lang sollen Mentoren bis zu 150 junge Menschen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 16 und 29 Jahren mit Rat und Tat zur Seite stehen und Türen öffnen. Ziel ist zum einen der gegenseitige Austausch über ein Netzwerk. In Seminaren und Workshops werden die Teilnehmer zudem darin geschult, ihre eigene Karriere voranzutreiben sowie Ideen zur Verbesserung der Integrationsarbeit an ihrem Heimatort zu entwickeln. Einmal jährlich ist ein Treffen aller Stipendiaten im Bundeskanzleramt geplant. Später sollen sie selbst dazu befähigt sein, eine Mentorenschaft für nachfolgende Teilnehmer zu übernehmen.

„Willkommenssignal der ganzen deutschen Gesellschaft an ihre Bürger mit Migrationshintergrund“

Warum das Projekt so notwendig ist, erklärt Ciechanowicz so: „Immer noch gibt es gläserne Decken, die das Fortkommen von Minderheiten in unserer Gesellschaft behindern. Diese zu überwinden, indem wir Netzwerke aufbauen und Zugänge ermöglichen, ist eines der Hauptziele des Projekts und in der Form und mit dieser Zielgruppe einmalig in Deutschland.“ ( nach Ansicht von Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, sind Zweisprachige im Vorteil – mehr hier)

Der Anspruch der Deutschlandstiftung Integration, eine Initiative des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), ist nicht gering. Das unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel stehende Projekt, das auch von der Deutschen Telekom und der Bundesliga-Stiftung gefördert wird, will sich selbst als „Willkommenssignal der ganzen deutschen Gesellschaft an ihre Bürger mit Migrationshintergrund“ verstanden wissen – ein löbliches Projekt.

Kritiker könnten argumentieren, dass es möglicherweise medienwirksam die Schwachstellen der Integrationsbemühungen der Bundesregierung überdecken soll. Aber laut Ciechanowicz ist es alles andere als eine „Showveranstaltung“. Er unterstreicht: „Das Programm ,Geh Deinen Weg‘ ist in erster Linie ein Projekt der Deutschlandstiftung Integration, die als überparteiliche und gemeinnützige Organisation einzig dem Ziel der Chancengleichheit in Deutschland verpflichtet ist. Wir freuen uns natürlich über die großzügige Unterstützung unserer Partner aus der Wirtschaft, dem Sport und der Politik. Damit ist das Projekt keine ,Showveranstaltung‘ sondern ein weiterer, sehr konkreter Baustein in den Integrationsanstrengungen, die die deutsche Gesellschaft unternimmt.“

Stipendiaten sollen als Vorbilder fungieren

Dass allerdings junge, talentierte Menschen mit Migrationshintergrund angesprochen werden sollen, die in Deutschland bereits „angekommen“ und „erfolgreich“ sind „und damit belegen, dass und wie Integration gelingen kann“, wie es in der Pressemitteilung heißt, könnte böse Zungen zu dem Einspruch animieren, dass andere Menschen möglicherweise einer dringenderen Förderung bedürfen. Diese Frage, so Ciechanowicz, habe man lange intern diskutiert, berichtet er. Schließlich habe man sich aber „entschieden, nach dem Leuchtturm-Prinzip vorzugehen“, da man „anders als viele grosse Institutionen in diesem Bereich“ nur über begrenzte Ressourcen verfüge: „Wir möchten, dass unsere Stipendiaten als Vorbilder fungieren und mit ihrem Erfolg in ihrer Umgebung ausstrahlen. So können wir unsere Ressourcen am effektivsten einsetzen und trotzdem viele förderwürdige und talentierte Menschen unterstützen.“

Ciechanowicz selbst, so kann man sagen, hat als Migrant in Deutschland Karriere gemacht. Als Kind politischer Flüchtlinge aus Polen ist er in Westberliner Asylantenheimen aufgewachsen, gibt er auf Nachfrage bereitwillig zu. Er hatte Glück: Erfahrungen der Benachteiligung habe er in seinem Leben nicht machen müssen, fügt er hinzu und sagt auch, warum: „Ein frühzeitiges Erlernen der deutschen Sprache und gezielte Unterstützung und Förderung seitens meiner Lehrer und später eines grossen deutschen Stipendienwerks haben mir geholfen, meinen Weg in Deutschland zu gehen und erfolgreich zu sein, ohne besondere Benachteiligungen zu erfahren. Das ist der Grund, warum ich unser Mentorenprogramm für so wichtig erachte, weil es genau diese möglichen Benachteiligungen von vornherein eliminiert.“

Bewerbungen für das Stipendienprogramm sind unter www.geh-deinen-weg.org noch bis Ende Juli 2012 möglich. Auch Mentoren werden noch gesucht, also erfolgreiche Menschen – auch ohne Migrationshintergrund -, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen gern weitergeben möchten.

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