Über 45 Verkehrstote an einem Wochenende: Muss das System jetzt überdacht werden?

Allein am vergangenen Wochenende starben 46 Menschen auf türkischen Straßen. 130 weitere wurden verletzt. Bereits seit gut zehn Jahren stellen Verkehrsexperten einen Aufwärtstrend bei den Verkehrsunfällen in der Türkei fest. Ihrer Ansicht nach resultieren die meisten dieser tödlichen Unfälle aus Fahrfehlern. Der Grund: Die Aufsicht bei den Führerscheinausstellungen ist zu lax und das System korrupt. Fahranfänger kämen hierzulande zu einem Führerschein ohne das Steuern eines Fahrzeugs jemals richtig gelernt zu haben.

Das Thema Verkehrsunfälle ist in der Türkei seit jeher ein heißes Eisen. Besonders akut wird das Problem in den Sommermonaten. Die Familien steigen in ihre Autos und fahren in die Ferien. Tausende verstopfen in dieser Zeit die Straßen und jedes Jahr nimmt die Anzahl der Verkehrstoten zu. Allein in den Jahren 2002 bis 2011 stiegen die Unfälle nach Angaben der türkischen Polizei um sagenhafte 297 Prozent. Waren es 2002 439,958 Zwischenfälle, registrierten die Beamten neun Jahre später satte 1,228,928. In diesem Zeitraum verloren 43,140 Menschen auf türkischen Straßen ihr Leben. Zum Vergleich: In der Zeit zwischen 1955 und 2011 starben insgesamt 298,000 Personen.

Fahrschüler erscheinen nicht zum Unterricht

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gab es bereits 147,623 Verkehrsunfälle, bei denen mehr als 1000 Menschen starben und 95,823 verletzt wurden. Warum die Zahlen derart hoch sind, hat für türkische Verkehrsexperten vor allem einen Grund: Fahrfehler. Wer in der Türkei einen Führerschein erwerben möchte, müsse an privat durchgeführten Schulungen teilnehmen, die aus theoretischen Kursen bestünden und in der Regel nur etwa einen Monat dauern würden. Danach folge ein etwa einwöchiger Praxisunterricht. Fachleute erachten dieses System jedoch als völlig unzureichend. Darüber hinaus würden nicht wenige einen Weg finden, um diese Minimalanforderungen auch noch zu umgehen (auch Alkohol am Steuer ist ein massives Problem – mehr hier).

Wie der Besitzer einer Istanbuler Fahrschule gegenüber der türkischen Zeitung Zaman gesteht, gäbe es so gut wie keine behördlichen Kontrollen der Fahrschulen. „In den Fahrschulen gibt es keinen wirklichen Fahrunterricht. Wenn sich 200 Schüler anmelden, kommen nur etwa 20 zum Unterricht“, so der Fahrlehrer, der gerne anonym bleiben will. Die meisten Teilnehmer, so der Fachmann weiter, fänden Mittel und Wege, um die Bürokratie zu umgehen. Die Inspektoren des Bildungsministeriums kämen zwar gelegentlich in die Einrichtungen, doch dort würden sie gerade einmal die Dokumente ansehen und dann wieder gehen. Niemand prüfe die Anwesenheitslisten.

Türkische Fahrschulen buhlen um die Fahrschüler

Ein weiterer Kollege weist in diesem Zusammenhang auf die intensive Wettbewerbssituation unter türkischen Fahrschulen hin. Das führe dazu, dass nicht wenige illegale Praktiken anwenden würden, um potentielle Schüler für sich zu gewinnen. Einige Schulen würden sogar eigens Leute anheuern, die für ihre Fahrschüler die Tests absolvieren. In anderen Fahrschulen müssten die Kandidaten jedoch ihren Personalausweis zur Prüfung vorlegen. Welche Folgen jedoch die unzureichende Vorbereitung und illegale Machenschaften haben, das zeigte sich erst wieder am vergangenen Wochenende (Bulgarien, Katar und die Türkei bauen eine gemeinsame Autobahn – mehr hier).

Mehr zum Thema:

Gut 10.000 Verkehrstote pro Jahr: Türkische Autofahrer achten wenig auf Sicherheit
Alkoholverbot in Afyonkarahisar: Behörden sprechen erste Bußgelder aus
Auto made in Turkey: Investoren zeigen sich skeptisch


Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.