Sivas Massaker: Wurden die Opfer erschossen?

Die Oper des Massakers von Sivas im Jahr 1993 sollen durch Schüsse und nicht durch das Feuer, das ein wütender Mob radikaler Islamisten während eines alevitischen Kulturfestivals gezündet hat, gestorben sein. Das behauptet zumindest die Tageszeitung „Yeni Akit“. Dem Medium lagen Aufnahmen der Toten vor, die noch am Tag des Vorfalls in der Leichenhalle angefertigt wurden.

Am 2. Juli 1993 starben insgesamt 37 Menschen im Madımak Hotel in Sivas, wo 33 von ihnen an einer Konferenz über den alevitischen Dichter Pir Sultan Abdal teilgenommen hatten. Das Gebäude wurde damals von einem wütenden Mob in Brand gesetzt, der gegen die Anwesenheit des Schriftstellers und selbsternannten Atheisten Aziz Nesin protestierte. Obschon Polizei und Rettungskräfte sofort verständigt wurden, griffen diese erst Stunden später ein. Unter den Opfern des Brandanschlags befanden sich 33 Künstler und Intellektuelle, zwei Hotelangestellte sowie zwei Teilnehmer der aufgepeitschten Menge. Der Autor Aziz Nesin, der soeben Salman Rushdies „Satanische Verse“ in der Türkei herausgebracht hatte, überlebte mit leichten Verletzungen.

Bilder der Opfer zeigen keine Verbrennungen

Die „Yeni Akit“ griff nun die Ereignisse von damals erneut auf. Hierzu veröffentlichte sie einige Fotos der Opfer sogar auf ihrer Titelseite. Die Bilder, so berichten die türkischen Medien, seien noch am Tag des Vorfalls in der Leichenhalle von Sivas im Numune Krankenhaus von der Chef-Staatsanwaltschaft von Sivas während einer ersten Untersuchung aufgeommen worden. Darauf auszumachen, so heißt es weiter, seien zwar Schusswunden, allerdings keine sichtbaren Verbrennungen.

Die „Yeni Akit“ ist nun der Ansicht, dass in den ausgestellten Autopsieberichten, in denen von Verbrennungen als Todesursache die Rede ist, bewusst die Unwahrheit gesagt wurde. Zudem würden die Aufnahmen die Aussagen des Unteroffiziers Galip Deniz bestätigen. Der habe nach dem Vorfall erklärt: „Es gab einige im Inneren des Hotels, die erschossen wurden.“ Deniz erkärte damals auch, dass am 2. Juli 1993 ein spezielles Team, bestehend aus Ärzten und Sanitätern von der Medizinischen Militärakademie Gülhane (GATA) in Sivas zugegen gewesen wäre, das die Kugeln aus den Opfern entfernt hätte. Darüber hinaus hätte sich der Chefarzt des Krankenhauses von Numune geweigert, die Autopsieberichte zu unterschreiben, weil sie irreführende Informationen enthalten würden.

Wie die Tageszeitung weiter ausführt, seien unter den mehr als 100 Photos und Videos, die in der Leichenhalle gemacht wurden, diejenigen aus den Dossiers entfernt worden, die die Opfer mit Schusswunden zeigen würden. „Die Beweise deuten darauf hin“, so das Medium weiter, „dass der tiefe Staat, der einen Plan Schritt für Schritt umgesetzt hatte, die Zahl der Todesopfer erhöhen wollte, indem man seine Mitglieder als Intellektuelle ins Hotel eingeschleust hätte, was die Sivas Staatsanwaltschaft nie erreicht hätte.“

Verfahren wurde am 13. März 2012 eingestellt

Seit den ersten Prozesstagen haben viele Menschen, darunter auch der Gouverneur von Sivas Ahmet Karabilgin, das Militär beschuldigt, nicht eingegriffen zu haben, um das Massaker zu stoppen. Die Öffentlichkeit war empört als der Prozess nach fast zwei Jahrzehnten am 13. März dieses Jahres von einem Gericht in Ankara wegen Verjährung eingestellt wurde. Führenden Kritiker sind Mitglieder der türkischen Aleviten, die eine weitere Untersuchung des Massakers und seiner Schuldigen forderten. Kurz darauf wurde von der Staatsanwaltschaft in Malatya in der Tat eine neue Untersuchung eingeleitet. Hierzu wurden sämtliche Originalakten aus Erzurum angefordert. Überlebende des Massakers und Angehörige der Opfer sind jedoch der Ansicht, dass die Untersuchungen durch den Staat alles andere als effektiv seien. Sie sind der Meinung, dass es eine Untersuchung gegen den Polizeichef und den Gouverneur von Sivas geben sollte, genauso wie gegen den Innenminister und den stellvertretenden Premier und den damaligen Premier.

In jedem Jahr wird den Opfern von Sivas gedacht. Auch in Berlin zogen am 2. Juli dieses Jahrs mehr als 300 Menschen durch den Berliner Bezirk Kreuzberg um an den 19. Jahrestag des Sivas-Massaker in der Türkei zu erinnern und so ein deutliches Zeichen gegen jede Form von Chauvinismus, Rassismus und Faschismus zu setzen.

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