Erdoğan macht Medien mundtot: Journalisten weichen auf Twitter aus

Wer in der Türkei schreibt, lebt nicht selten gefährlich. Top-Autoren sitzen in Haft, andere werden zu Geldstrafen verurteilt. Immer mehr werden Journalisten in ihrer Freiheit beschnitten. Doch die unabhängigen Reporter suchen sich neue Wege: Zum Beispiel über Twitter.

„Es ist normal geworden, dass die Regierung in den Medien gelobt wird und Kritik inakzeptabel ist“, zitiert „The Christian Science Monitor“ die Kolumnistin Ece Temelkuran, die vor einiger Zeit ihren Job bei Habertürk verloren hat, weil sie Kritik am Massaker von Uludere geübt hat.

Seit die AKP im Jahr 2002 an die Macht gekommen sei, so das Blatt weiter, könnten einige Themen, die bis dahin ein Tabu darstellten, frei diskutiert werden, etwa wenn es um Belange der kurdischen Minderheit oder die Ereignisse von 1915 gehe. Temelkuran und andere seien jedoch der Meinung, dass es nun eben neue Tabus gebe. Darunter falle zum Beispiel jegliche Kritik am türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan.

Medienhäuser standen der AKP feindselig gegenüber

In den vergangenen Monaten, so heißt es weiter, habe nicht nur Ece Temelkuran ihre Arbeitsstelle verloren, nachdem sie die Regierung Erdoğan kritisierte. Erst im vergangenen Mai feuerte die der Regierung nahe stehende Zeitung Yeni Safak den Autor Ali Akel, weil auch er scharfe Kritik an Erdoğan in Zusammenhang mit den Ereignissen in Uludere Ende Dezember letzten Jahres übte (Akel war der Ansicht, dass sich die Regierung offiziell entschuldigen müsse – mehr hier). Doch so sei es nicht immer gewesen. In den Anfangsjahren der AKP hätten viele Medien des Landes der Regierung durchaus kritisch gegenüber gestanden. Türkische Verlagshäuser seien lange Zeit im Besitz einer Handvoll einzelner Unternehmensimperien mit breiten geschäftlichen Interessen gewesen. Und die meisten von ihnen wären der konservativen AKP anfänglich feindselig gegenübergestanden, weil diese im Gegensatz zu der sehr säkularen Stimmung in ihrer Anfangszeit stehe.

Je weiter Erdoğan im Laufe der Zeit seine Macht nun habe manifestieren können, fährt der Artikel fort, je weniger erwünscht sei dann allerdings auch Kritik gewesen. Und die türkischen Medienbarone bekämpfen ihn nun auf eigene Gefahr. Im Jahr 2009 schließlich statuierte die AKP an einer der größten Medienhäuser des Landes, der Dogan Gruppe, ein Exempel. Das Unternehmen wurde zu einer Steuerstrafe von sagenhaften 3,8 Milliarden Dollar verdonnert. Nicht wenige betrachteten damals die empfindliche Strafe als versteckte Vergeltung für die unerbittliche Berichterstattungen, wie etwa die Aufdeckung eines Korruptionsskandales, in den auch AKP-Mitglieder verwickelt gewesen sein sollen, in den vergangenen Jahren. „Mittlerweile ist es sehr einfach geworden die Medien zu kontrollieren. Die Regierung kauft sie oder aber bedroht sie“, so Akinan.

Twitter: Hier finden die User die richtigen Nachrichten

Nach Ansicht von „The Christian Science Monitor“ zeige das Massaker von Uludere ganz deutlich, welche Macht etwa Twitter in diesem Gefüge inzwischen gewonnen hätte. Es sei ein leistungsfähiges Instrument zur Verbreitung von Nachrichten geworden. Die türkischen Journalisten, die sich auf Twitter tummelten, ließen ihre ausländischen Kollegen oft alt aussehen. Sie fänden selbst weit über die Grenzen der Türkei hinweg Gehör. Temelkuran zum Beispiel hätte mehr als 30.000 Follower. Damit übertreffe sie fast alle ihre prominententen TV-und Print-Journalisten in Großbritannien, wo es etwa vier Mal so viele Twitter-User wie in der Türkei gebe. „Es ist verrückt“, sagt auch Akinan, der mittlerweile die 100.000 Follower-Marke geknackt hat. Es sei ja nicht so, dass man selbst prominent wäre oder hübsche Fotos von sich selbst poste. Man sei einfach nur Journalist.

Laut Professor Uckan erklärt das Phänomen wie folgt: Zwar würden türkische Leser nicht mehr so sehr auf ihre Zeitungen und TV-Sender vertrauen, dafür aber auf ihre Journalisten, die für sie arbeiteten. Die Mainstream-Medien seien für sie schon lange keine wirkliche Informationsquelle mehr. Doch sie würden eine Vielzahl von Reportern durchaus respektieren und ihnen deshalb auf Twitter folgen. Sie hofften dort die Nachrichten zu bekommen, die in den Zeitungen nicht veröffentlicht würden.

Mittlerweile, so beschreibt der Artikel, hätten auch türkische Gerichte den neuen Trend erkannt. Auch hier wird auf den bekannten türkischen Komponisten Fazil Say verwiesen (er will nach seiner Twitter-Anklage die Türkei verlassen – mehr hier). Doch trotz der zunehmenden Einschränkungen glaubten die meisten Menschen in der Branche, die Rolle von Social Media würde weiter zunehmen, insbesondere bei jungen Bevölkerung der Türkei – die Hälfte davon ist unter 29 Jahren. Akinan ist überzeugt: „Es verändert die Denke der Leute. Die Regierung behält zwar die Kontrolle über die nationalen Medien, aber Social Media ist unkontrollierbar und wird immer stärker von Tag zu Tag.“

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