Erste Group: „Es gibt viele Beweise für die Manipulation beim Goldpreis“

In der Türkei gilt Gold schon lange als sichere Anlage in der Bevölkerung. Das Ergebnis: Gold in Milliardenhöhe unter der Matratze. Während die Regierung dort versucht, das Gold für die Wirtschaft zu mobilisieren, könnte in Europa die Angst, dass die Eurorettung zu einem starken Wertverlust der Gemeinschaftswährung führen könnte, die Gold-Nachfrage steigen lassen. Ronald Stöferle ist Rohstoffexperte bei der Erste Group. Er hat im Goldreport der Bankengruppe die aktuellen Entwicklungen und Aussichten am Goldmarkt untersucht. Im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten erklärt er, warum Gold zu unrecht als Anlageform für absolute Pessimisten gilt.

Deutsch Türkische Nachrichten: Steht der große Run auf Gold noch bevor, warum legen nicht mehr Menschen ihre Ersparnisse in Gold an?

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie erwarten langfristig einen Goldpreis von 2.300 Dollar pro Unze. Von welchen Faktoren hängt der Goldpreis neben der Nachfrage noch ab?

Ronald Stöferle: Der mit Abstand wichtigste Faktor sind die Realzinsen. Die Frage ist: Wie hoch sind die Realzinsen abzüglich der Inflationsrate? Und wenn sie negativ sind, ist das perfekt für Gold. Gold zahlt keine Zinsen. Von dem her sind Zinsen bei Gold dann Opportunitätskosten. Dass die Realzinsen in Europa, den USA und vielen anderen Ländern negativ sind, ist der wichtigste Grund dafür, dass Gold momentan so stark ist. Stehen die Zinsen bei vier, fünf Prozent, verliere ich bereits etwas, wenn ich in Gold investiere. Hier ist ein wichtiges Stichwort die Finanzielle Repression: In einem Szenario wo man sich entschulden will, sind negative Realzinsen ein sehr wichtiger Faktor.

Deutsch Türkische Nachrichten: Das bedeutet, herkömmliche Finanzprodukte bieten einfach zu wenig Rendite?

Ronald Stöferle: Genau. Inzwischen ist ja sogar die absurde Situation eingetreten, dass für österreichische, zweijährige Staatsanleihen negative Renditen in Kauf genommen werden. Das ist schwer nachzuvollziehen und hat eigentlich nichts mehr mit gesundem Menschenverstand zu tun hat. Aber die Risikoaversion nimmt immer stärker zu. Davon profitiert Gold natürlich auch.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie lange wird dieser Trend anhalten?

Ronald Stöferle: Ich glaube, dass uns das Thema Überschuldung weiterhin begleiten wird. Es einige Möglichkeiten, wie man diesem Problem Herr werden kann. Auf der einen Seite indem man die Schulden zurückzahlt. Dann, indem das Wirtschaftswachstum wesentlich gesteigert wird, durch Inflation oder durch negative Realzinsen. Nachdem drastische Sparmaßnahmen politisch nicht unbedingt gewollt werden, weil das vielen Menschen einfach weh tut, wird man den Weg über negative Realzinsen wählen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Bei Menschen die sich mit dem Thema Gold beschäftigen, herrscht teilweise die Ansicht, der Goldpreis würde künstlich niedrig gehalten. Es ist die Rede von einer Goldpreisdrückung. Wie schätzen sie diesen Verdacht ein?

Ronald Stöferle: Ich sehe das relativ nüchtern: Auf allen Märkten wird interveniert. Warum sollte nicht am Goldmarkt auch interveniert werden? Noch dazu, wo der Goldpreis das Fieberthermometer des Finanzwesens ist. Wir sehen das auch beim Libor-Skandal: Es wird überall manipuliert oder interveniert, wie man das auch immer nennen mag. Daher glaube ich, dass das beim Goldpreis sicherlich auch passiert. Noch dazu gibt es viele Beweise dafür. Aber vielleicht kann man das ja auch als Chance sehen, noch zu relativ günstigen Preisen Gold zu kaufen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche konkreten Beweise gibt es für die Manipulation am Goldmarkt?

Ronald Stöferle: Dass am Goldmarkt interveniert wird, lässt sich auch quantitativ anhand der Intraday-Bewegungen von Gold innerhalb der letzten 4 Jahre belegen. Die ca. 1000 inkludierten Handelstage zeigen einen klaren Intraday-Kursverlauf. Während der Goldpreis im frühen (asiatischen) Handel tendenziell steigt, bricht er nach dem 1. und dem 2. Fixing in London (zeitgleich mit Handelsbeginn in New York) dramatisch ein, um sich im weiteren Verlauf langsam wieder zu erholen.

Dies belegen auch zahlreiche Zitate von wichtigen Akteuren der Notenbanken oder der Politik.

Nachdem ein stark steigender Goldpreis nachlassendes Vertrauen in das Finanz- und Währungssystem signalisiert, wäre es unserer Meinung nach naiv zu glauben, dass Interventionen bei Gold nicht stattfinden würden. Der Primärtrend von Gold und Silber ist jedoch ganz klar nach oben gerichtet. Laut Dow-Theorie kann der Primärtrend nicht manipuliert werden, da die inhärenten Marktkräfte zu stark sind.

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum wird in diesen Fällen nicht wie nun beim Libor-Skandal von den Aufsichts-Behörden ermittelt?

Ronald Stöferle: Es gibt im Silber-Bereich bereits erste Ermittlungen. So ein Verfahren wird aber vermutlich viele viele Jahre dauern. Generell wird weniger ermittelt, weil die Interventionen gar nicht als kriminelle Handlungen eingestuft werden und die Staaten selbst ein Interesse an einem niedrigen Goldpreis haben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie kann man am Goldmarkt intervenieren?

Ronald Stöferle: Das passiert über die Futures-Märkte. Auf der anderen Seite ist nach der Dow-Theorie – das ist quasi die Bibel der technischen Analyse – Gold ein Primärtrend, der so stark ist, dass diese inhärenten Kräfte, die dem zugrunde liegen so stark sind, dass man den Goldpreis nicht manipulieren kann. So kann man das auch am Gold- und Silbermarkt sehen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie sagen Gold ist sparen, Goldaktien sind ein Investment. Kann man das vergleichen mit Sparbuch und Aktien?

Ronald Stöferle: Es ist interessant, wie sich die Motive ändern, in physisches Gold zu investieren. Man sieht im Moment, dass die Remonetisierung des Goldes richtig losgeht. Man besinnt sich zurück auf diesen Jahrtausende alten Status von Gold. Gold ist eine Währung, die noch nie wertlos wurde und die Kaufkraft langfristig behalten hat. Ich denke, dass das sehr langsam geht, aber die Leute sehen Gold gar nicht mehr so als Rohstoff sondern als Währung. Da gibt es einen sehr großen Paradigmenwechsel.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welchen Vorteil haben Anteile an Goldminen gegenüber Investitionen direkt in Gold?

Ronald Stöferle: Ich würde hier klar unterscheiden: Physisches Gold eher zum Kapitalerhalt, als Sparform und alternative Währung. Und auf der anderen Seite in einem Investment, wo das Ziel eine Kapitalvermehrung ist. Bei Goldminen hat man ein großes operationales Risiko, wie beispielsweise Managementrisiken. Auf der anderen Seite hat man auch einen gewissen Hebel auf den Goldpreis. Das heißt, die Margen sind bei einem steigenden Goldpreis ganz anders. Insofern ist die Chance nach oben viel größer, aber gleichzeitig ist das Risiko nach unten ebenfalls viel größer. Generell ist der Minensektor was Aktien betrifft einer der am stärksten unterbewerteten Sektoren weltweit. Die 16 wichtigsten Gold- und Silberproduzenten werden im Index mit 170 Milliarden US-Dollar bewertet. Das ist wesentlich weniger als viele große amerikanische Einzeltitel. Wenn man das mit Aktien von Exxon Mobil oder Apple vergleicht, dann sind das eigentlich Peanuts und dabei sind das die 16 größten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie kommt es zu dieser Unterbewertung?

Ronald Stöferle: Goldminen sind ein Sektor der doch auch ziemlich enttäuscht hat aus Sicht der letzten Jahre. Man kann diesen Bereich auch nicht so leicht verstehen. Da herrschen andere Bewertungskriterien. Insofern ist es speziell für europäische Investoren Neuland. In Kanada oder Australien ist es ganz normal auch in Mining-Titel zu investieren. Die spezifischen Kennzahlen werden dort gekannt. Dieses Thema wird bei uns noch etwas stiefmütterlich behandelt.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Goldgewinnung hat nicht den besten Ruf was Umweltschutz oder Menschenrechte betrifft. Spielt das eine Rolle bei der Vorsicht der Investoren?

Ronald Stöferle: Nein, das glaube ich nicht. Dann dürfte auch niemand in Öl-Aktien investieren. Dann dürfte niemand in eine Bekleidungsmarke investieren, keine Lebensmittelproduzenten und so weiter. Man muss sagen, dass mittlerweile die Auflagen für die Produzenten die in Industrienationen tätig sind, enorm sind. Viel mehr Auflagen gibt es in fast keinem anderen Sektor. Hier ist das Bild der dreckigen Produktion vielleicht auch etwas übertrieben. Das gibt es natürlich auch, keine Frage. Aber das ist eigentlich nur ein geringer Teil des gesamten Bestandes.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie könnte diese Unterbewertung enden?

Ronald Stöferle: Grundsätzlich kann und wird dieser Sektor in einer Manie enden. Die parabolische Phase, die man in jedem großen Trend sieht, wird noch kommen. Man hat das beim letzten großen Bullenmarkt (Anm. Marktentwicklung mit stark steigenden Preisen) beim Gold gesehen. Da hat sich der Goldpreis innerhalb weniger Woche fast verdoppelt. Bei den Minenaktien könnte sich das ähnlich entwickeln. Das hat man auch bei Öl im Jahr 2008 gesehen, oder bei den Internetaktien.

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