Modernisierung: 6,5 Millionen Gebäuden in der Türkei droht der Abriss

Die Türkei macht sich für ein großflächig angelegtes Stadtumbauprojekt bereit, welches den Abriss von Millionen von Gebäuden im gesamten Land mit einschließt. Kritiker bemängeln allerdings, dass sich gerade die ärmere Bevölkerung die teueren Neubauten nicht leisten können werde.

6,5 Millionen Gebäude könnten bald nicht mehr stehen, sofern sie vom türkischen Ministerium für Umwelt-und Stadtplanung für zu gefährlich befunden werden. Nach Angaben einer neuen Bestimmung sollen alle Gebäude, die mehr als 15 Stockwerke umfassen, abgerissen werden.

70 türkische Unternehmen bewarben sich bereits für den Auftrag. Das Ministerium gab nun bekannt, dass auch ausländische Firmen zugelassen seien, jedoch nur in Kooperation mit heimischen Baufirmen. Die türkischen Bewerber besäßen nicht die erforderliche Fachkompetenz im Umgang mit hochexplosiven Material, so das Ministerium.

„Die Verwendung von Sprengstoff zur Aushöhlung, für den Bergbau und für Tunnelkonstruktionen ist weit verbreitet in der Türkei, jedoch haben wir kaum Erfahrungen mit dem Abriss von Häusern auf diese Art und Weise“, berichtet ein Beamter des Ministeriums der Hürriyet. Es könne fatale Auswirkungen haben, sollten Fehlberechnungen auftreten.

Kritiker hinterfragen die Entscheidung des Ministeriums, Sprengungen in diesem Ausmaß vorzunehmen. Es sei nicht klar, ob „die Vorteile das eingegangene Risiko rechtfertigen“. Cemal Gökçe, Vorsitzender der Bauingenieurskammer, befindet die Forschung im Land für noch nicht fortgeschritten genug. Außerdem mangle es an ausgebildeten Fachkräften die Sprengungen gerade in Bereichen wie dem historischen Fatih Viertel in Instanbul durchführen könnten. Gökçe spricht von einem „gefährlichen Fehler“. Zudem schätzt er die Anzahl an Häusern, also 6,5 Millionen, die abgerissen werden sollen, als unrealistisch ein.

„Wenn sich die Erfahrung und das Wissen in diesem Bereich verbessert, könnte bald auch in der Innenstadt gesprengt werden“, entgegnet hingegen das Ministerium. Das umstrittene Modernisierungsprojekt wurde von Premier Erdoğan und seiner Partei ins Leben gerufen und soll bis 2023 beendet werden. Die Kosten werden sich voraussichtlich auf 400 Milliarden US-Dollar belaufen. Alleine in Istanbul werden es um die 100 Milliarden sein.

Ziel ist es die Häuser gegen Erdbeben, Regen und Erosion zu abzusichern und Großstädte wie Istanbul in internationale Finanzzentren zu verwandeln. Gleichzeitig wird die Modernisierung in Osten der Türkei vorangetrieben.

Negativ davon betroffen sind jedoch meistens die Bewohner der ärmeren, baufälligen Viertel, die es sich nach dem geplanten Neubau nicht mehr leisten werden können, in diesen zu wohnen. Es wird auch das skrupellose Vorgehen der Bauunternehmen kritisiert. Die Anwohner werden geradezu gezwungen ihre Häuser zu verlassen.

Die Schattenseiten des Modernisierungsprojektes und des Wachstums in Istanbul, die auch den Denkmalschutz betreffen, werden in dem Film “Ecumenopolis” thematisiert (mehr dazu hier).

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