Studie: Verbände vertreten nur Minderheit der Muslime

Die deutschen Muslime sind Individualisten: Sie lassen sich im Grund kaum einordnen, der Grad der Zugehörigkeit zu Verbänden ist erstaunlich gering. Dies erschwert auch den Behörden den Umgang mit den muslimischen Bürgern.

Aydın hat sich in seiner Disseration „Vertrauensbildende Maßnahmen von Muslimen und muslimischen Gruppierungen in Deutschland“ eingehend mit den verschiedenen Verbänden beschäftigt und stellt klar: „vereinsmäßig organisierte Muslime“ befänden sich eindeutig „in der Minderheit“. Und trotzdem ist er der Ansicht, dass die Verbände in ihrer Repräsentativität auch nicht unterschätzt werden dürfen. „Es bedarf vielmehr einer Ausgewogenheit in der Beurteilung der Repräsentativitätsfrage. Denn die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den einseitigen Positionen“, so Aydın.

Er kritisiert, dass die Individualität der Muslime „von vielen Menschen insgesamt bei weitem nicht genug wahrgenommen“ werde. Dabei ist sogar die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verband in Deutschland noch kein Zeichen für eine damit vollkommen übereinstimmende Sicht auf den Islam. „Nach meinen jahrelangen wissenschaftlichen Forschungen über Muslime und muslimische Gruppen besteht die Heterogenität nicht nur unter religiösen Muslimen allgemein, sondern auch innerhalb der einzelnen Gruppen. Zwar ist sie darin geringer ausgeprägt, und ihre Stärke variiert von Gruppe zu Gruppe zum Teil stark. Relativ gering ist sie beim VIKZ ausgeprägt, relativ stark hingegen beim DITIB; die Heterogenität der Gülen-Bewegung rangiert dazwischen“, so der Vertrauensforscher weiter.

„Undifferenzierte Einstellungen über die Muslime“

Um seine Ausführungen zu verdeutlichen, nennt er Beispiele aus der muslimischen Lebenspraxis: „Beispiele sind eine betende Mutter und ein nicht betender Vater (oder umgekehrt), eine Schwester mit, die andere ohne Kopftuch, ein Bruder, der nur westliche Musik hört, während ein anderer lediglich orientalische Klänge liebt, und deutliche Unterschiede im politischen Wahlverhalten der einzelnen Familienmitglieder sowie in der religiösen Praxis (Gebet, Moscheebesuch). Derartige Heterogenitäten, die es in der traditionellen türkischen Familie nicht gab, sind in dieser postmodernen Zeit weit verbreitet“. Dass diese freie Wahl der Lebensweise nicht wahrgenommen werde, führe, so Aydın, zu „verallgemeinerten, undifferenzierten Einstellungen über die Muslime“.

Dr. Sadi Aydın hat Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Augsburg studiert und promovierte zum Thema „Vertrauensbildende Massnahmen der Muslime und muslimischen Gruppierungen in Deutschland – ein Beitrag zur Friedensgeographie“. Die Dissertation ist im Jahr 2011 im Münchner Verlag Avicenna erschienen.

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