Skandal in der Kunstszene: Mehr als 200 Kunstwerke aus staatlichem Kunstmuseum Ankara verschwunden

Im staatlichen Kunst- und Skulpturenmuseum von Ankara gelten derzeit mehr als 200 Kunstwerke als vermisst. Das geht aus einem Bericht des Ministeriums für Kultur und Tourismus hervor. Die Machenschaften, die sich offenbar auch in die Reihen von offiziellen Amtsträgern hineinziehen, sollten vertuscht werden.

Der Bericht des Ministeriums für Kultur und Tourismus, so heißt es derzeit in den türkischen Medien, sei nicht öffentlich einsehbar gewesen. Vermutlich, so die Spekulation der Redakteure, sei versucht worden das Ganze zu vertuschen, da eine sehr geschickt agierende kriminelle Vereinigung, auch Regierungsbeamte in den Betrug verstrickt gewesen sein sollen. Mittlerweile liegt der Bericht jedoch der türkischen Zeitung Milliyet vor. Und darin ist Unglaubliches zu lesen: Denn unter anderem werde behauptet, dass 46 Stücke aus dem Museumskatalog gestohlen und durch Repliken ersetzt worden seien (auf der anderen Seite wurde kürzlich ein Schweizer Top-Polizist verhaftet, weil er vermutlich einen archäologisch wertvollen Stein aus dem Urlaub mitnehmen wollte – mehr hier).

Fehlen der Kunstwerke sollte in der Öffentlichkeit nicht publik werden

Doch nicht nur das: Darüber hinaus soll, dem Bericht zufolge, die Authentizität von mehr als 30 Kunstwerken „sehr fragwürdig“ sein. Etwa 202 Stücke aus der ständigen Sammlung des Museums gelten gar als „vermisst“. Darunter auch unbezahlbare Arbeiten türkischer Künstler wie Şevket Dağ, Şefik Bursalu, Hikmet Onat, Zühtü Müridoğlu und vielen anderen. „Deutlich“, so fasst Blouinartinfodie Vorgänge zusammen, „wird (…), dass die türkische Regierung kaum einen Überblick über Artefakte in nationalem Besitz hat, auch offenkundig illegale Handlungen von offiziellen Amtsträgern werden darin aufgedeckt.“

Warum das bis dato nicht wirklich auffiel, kann auch Museumsdirektor Ömer Osman Gündoğdu, der im März 2010 auf den Diebstahl von 18 Kunstwerken hinwies, leicht erklären. Man habe es schlicht mit einer gravierenden Sicherheitslücke zu tun. In den teils gänzlich überfüllten Lagerräumen des Museums würden die Überwachungskameras selten bis nie funktionieren. In der Masse der Kunstwerke würde zudem das Fehlen einzelner Stücke überhaupt nicht auffallen.

Werke wurden an Mitglieder des Militärrates verschenkt

Mittlerweile hat sich auch der türkische Kulturminister Ertugrul Günay dazu geäußert. Er erklärte gegenüber der Zeitung „Milliyet“, dass zahlreiche Werke nach dem Militärputsch 1980 verschwunden seien. Damals, so Günay, hätte es noch keine vollständige Inventarliste gegeben. Er räumte ein, dass Werke teilweise an Mitglieder des Militärrates verschenkt und durch Fälschungen ersetzt worden seien. Man versuche jedoch, die Bilder wieder zurück zu bekommen. Vorbildlich sei dem Minister zufolge hier der Geheimdienst. Dieser habe bereits Werke in seinem Besitz wieder an das Museum gegeben. Und auch jetzt, so neueste Erkenntnisse, gehe man im Ministerium davon aus, dass 50 der 202 vermissten Werke dort zu finden seien.

Bereits im Jahr 2010 wurde infolge des Diebstahls von 13 Kunstwerken des osmanischen Landschaftsmalers Hoca Ali Rıza eine Kommission ins Leben gerufen, um eine gründliche Bestandsaufnahme des Museumskatalogs vorzunehmen. Doch deren Resultate seien aus Angst vor heftigen Reaktionen nicht veröffentlicht worden (gleichzeitig verlangt die Türkei derzeit Kunstobjekte, die aus illegalen Ausgrabungen stammen sollen, zurück von den USA zurück – mehr hier). Im Zuge der daraus hervorgegangenen Erkenntnisse musste der Direktor seinerzeit eingestehen: „Es ist nicht etwas, was gestern passiert ist. Es ist etwas, das sorgfältig geplant und im Laufe der Jahre durchgeführt wurde.“

Erste Erkenntnisse kommen schon 2010 ans Licht

Ein Team rund um den Kunstprofessor Osman Altintas hatte vor zwei Jahren im Auftrag des Kulturministeriums begonnen die ausgestellten Bilder näher zu untersuchen. Zu ihrem Schrecken mussten die Fachleute feststellen, dass hunderte Gemälde heimlich durch Imitate ersetzt worden waren. „Das Museum ist geplündert worden“, zitiert „Die Presse“ den fassungslosen Wissenschaftler im April 2010, der damals erste, vorläufige Erkenntnisse an die Presse weitergegeben hatte. Der Experte von der Gazi Universität schätzte zunächst, dass zehn Prozent der insgesamt 4000 Stücke umfassenden Sammlung durch Kopien ersetzt oder gestohlen worden waren. Der Schaden, so die Vermutung 2010, solle sich auf 50 Millionen Euro belaufen.

Kuratorin Oya Eczacıbaşı: Leuchtturm der türkischen Kunstszene

Während auf der einen Seite derartige Fauxpas bekannt werden, tut sich die türkische Kunstszene auf der anderen Seite aber auch positiv hervor (in diesem Jahr eröffnete sogar Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ein eigenes, kleines Museum in Istanbul – mehr hier). Bereits Ende letzten Jahres gelang es sich ins internationale Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Damals kürte die monatlich erscheinende US-Zeitschrift Art-Auction die 100 weltweit einflussreichsten Personen in der Kunstszene. In diese Liste augenommen wurde auch die türkische Kuratorin und Vorstandsvorsitzende des Museums für Moderne Kunst in Istanbul, Oya Eczacıbaşı, die vielen aufstrebenden Künstlern, darunter Kutluğ Ataman und Ryan Trecartin, die Möglichkeit zu einer Ausstellung bot. Seit langem gehörte Eczacıbaşı bereits zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Kunstszene am Bosporus. Mit der Aufnahme in diese Top 100 bescheinigte ihr das Magazin nun auch internationalen Einfluss.Und das urteilt: „Eczacıbaşı ist eine der wichtigsten Kunstfördererinnen dieser Zeit in der Türkei.“

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