Geschlechtsbezogene Gewalt: Haupttodesursache für Frauen zwischen 15 und 44

Die Zahl der Frauen, die auf Grund von geschlechtsspezifischer Gewalt sterben, übersteigt mittlerweile die Anzahl der Frauen, die durch Krebs, Verkehrsunfälle, Kriege oder etwa Malaria ihr Leben verlieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, auf die jetzt das türkische Ministerium für Familie und Soziales hinweist.

Das Ministerium kündigte bereits im vergangenen Juli an, dass man in Kürze einen neuen nationalen Aktionsplan implementieren werde, um Gewalt gegen Frauen in der Türkei nachhaltig zu bekämpfen (nach Erkenntnissen der Menschenrechtskommission des Parlaments (TBMM) ist die Gewalt in Istanbul sogar noch höher als etwa in Anatolien – mehr hier). Der besagte Aktionsplan der Behörde, so berichten die türkischen Medien, enthalte darüber hinaus wichtige statistische Daten zum Thema geschlechtsbezogene Gewalt gegen Frauen. So würde noch einmal darauf hingewiesen, dass mehr Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren durch geschlechtsspezifische Gewalt zu Tode kämen, als durch Verkehrsunfälle, Malaria, Krebs und Krieg.

Bis zu 70% aller Frauen werden Opfer von Gewalttaten

Das Ministerium bezog sich dabei auf einen Bericht der Vereinten Nationen. Diese haben bereits vor einiger Zeit eine Untersuchung über das Thema Gewalt gegen Frauen durchgeführt. Diese ergab neben der höheren Todesrate durch Gewalt als durch Unfälle und Kriege, dass acht Prozent der Frauen in Kanada, elf Prozent in Schweden, 14 Prozent in Italien, 15 Prozent in Japan, 20 Prozent in Dänemark und 27 Prozent der Frauen in Australien mindestens einmal in ihrem Leben körperlicher Gewalt ausgesetzt wurden. Die UN beschrieben darin Akte der Gewalt gegen Frauen, die diese körperlich, sexuell oder psychisch verletzten oder Akte, in denen ihnen damit gedroht wurde, um sie zu etwas zu zwingen oder ihnen gänzlich die Freiheit zu rauben. Die UN warnt: „Bis zu 70% aller Frauen werden im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalttaten.“ Verschiedene weltweite Umfragen würden zudem belegen, dass die Hälfte aller ermordeten Frauen von ihren jetzigen oder ehemaligen Partnern oder Ehemännern getötet wurden (derweil müssen die spanischen Frauen ein Abtreibungsverbot auch im Fall einer Vergewaltigung fürchten – mehr hier).

Die türkische Politik ist für das Thema bereits sensibilisiert. Am 8. März, dem Weltfrauentag, hat das türkische Parlament einstimmig ein Gesetz zum Schutz der Familie und Prävention von Gewalt gegen Frauen verabschiedet (im gleichen Atemzug wurden allerdings auch Kritik laut – mehr hier) Das Ziel: Frauen und Familienangehörige sollten dadurch besser vor häuslicher Gewalt geschützt werden. Das türkische Gesetz sieht sowohl eine Ausweitung der Maßnahmen und Sanktionen gegen Gewalttäter als auch eine Erweiterung der Unterstützungsangebote für Frauen vor, die von Gewalt betroffen sind (mittlerweile gibt es für misshandelte Frauen sogar die Möglichkeit über das Zeugenschutzprogramm die Identität zu wechseln – mehr hier).

Türkische Polizei wendet Gesetze nicht an

Was in der Theorie durchaus positiv klingt, ist in der türkischen Praxis jedoch eine ganz andere Sache. Oftmals ist genau die Umsetzung der beschlossenen Gesetze und Maßnahmen der kritische Punkt. Gerade Polizeibeamte, so wird derzeit von Fachleuten empfohlen, sollten eine langfristige Ausbildung im Umgang mit häuslicher Gewalt erhalten. So äußerte sich die Psychotherapeutin und Mitbegründerin von Frauen für die Menschenrechte von Frauen (WWHR), Pinar Ilkkaracan, kritisch zum jüngsten Vorstoß eines türkischen Gerichts, das misshandelten Frauen einen Identitätswechsel ermöglicht. Sie ist der Überzeugung, dass das Ändern der Opfer-Identitäten möglicherweise nicht sehr effektiv sei, da die Aggressoren in Fällen häuslicher Gewalt oft zwanghafte Verhaltensweisen an den Tag legen würden. „Der Ehemann könnte das Opfer trotz ihres Identitätswechsel aufspüren, da er vielleicht besessen von ihr ist und sie permanent stalkt.“ Das Gericht, so argumentiert sie, könne zum Schutz der Frau im Endeffekt erlassen, was es wolle. Auch sie ist überzeugt: Das Hauptproblem resultiere aus der Tatsache, dass die Polizei sich nicht daran halte.

Nationaler Aktionsplan 2007 bis 2010 brachte keine Erfolge

Wie nötig allerdings weitere Schritte in Sachen Gewaltbekämpfung gegen Frauen in der Türkei sind, darauf wies auch der Amnesty Report 2011 Türkei hin. Darin heißt es: „Der Nationale Aktionsplan 2007-2010 der türkischen Regierung zur Bekämpfung familiärer Gewalt brachte keine nennenswerten Erfolge. Das lag u.a. an mangelnder Koordinierung, unzureichenden Mitteln und dem Fehlen messbarer Ziele. Die Anzahl der Unterkünfte für die Opfer häuslicher Gewalt blieb auch 2010 weit unter den gesetzlichen Vorgaben. Offiziellen Angaben zufolge existierten im Berichtsjahr landesweit insgesamt 57 solcher Einrichtungen, acht mehr als im Vorjahr.“

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