110 Tote in einem Monat: Türkei unter den Top 3 der unsichersten Arbeitsplätze

Die Häufigkeit, mit der es in der Türkei zu Arbeitsunfällen kommt, hat das Land nun in Sachen Arbeitssicherheit im internationalen Vergleich auf Platz drei katapultiert – allerdings im negativen Sinne. Denn es handelt sich um die drei Länder mit dem weltweit schlechtesten Abschneiden.

Wie die türkische Zeitung „ Taraf“ vor einigen Tagen mit Bezug auf einen kürzlich veröffentlichen Report der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die Daten aus 82 Ländern erhob, berichtete, würden lediglich Algerien und El Salvador in Sachen Todesfällen auf Grund von Arbeitsunfällen hinter der Türkei liegen (erst Mitte Juli kam ein Straßenarbeiter in Istanbul ums Leben – mehr hier).

Verbesserung der Arbeitsbedingungen: In der Türkei tut sich wenig

Im Vorfeld des XIX Weltkongress für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, der im kommenden September in Istanbul stattfindet, hat die ILO ihre „Istanbuler Erklärung“ veröffentlicht, die sich mit Todesfällen am Arbeitsplatz beschäftigt. Darin forderte sie dazu auf, die Bemühungen um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen weiter voranzutreiben. Die ILO ist überzeugt, die „Förderung der Rechte der Arbeitnehmer auf ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld sollte als grundlegendes Menschenrecht anerkannt werden“. Bisher, so heißt es weiter, habe die Türkei wenig getan, um die Gefahren am Arbeitsplatz einzudämmen. Schlechte Hygiene-und Sicherheitsbedingungen am Arbeitsplatz hätten in der Türkei in den vergangenen Jahren im Großen wie im Kleinen epidemische Ausmaße angenommen. Erst im vergangen Juni zeigten sich Mitglieder der Parlamentarischen Kommission geschockt, als ein Arbeiter, der vor den Toren des Parlamentsgebäudes an den Drenageleitungen arbeitete, tot zusammenbrach. Ironischerweise genau zu der Zeit, als man drinnen über entsprechende gesetzliche Maßnahmen diskutierte.

Die Istanbuler Vereinigung für die Gesundheit der Arbeitnehmer und Arbeitssicherheit hat in ihrem Juli-Bericht eine beunruhigende Zahl von Todesopfern bei Arbeitsunfällen veröffentlicht. Demnach, so heißt es in der türkischen Presse weiter, hätten allein im letzten Monat 110 Arbeiter ihr Leben während des Jobs verloren. In den ersten sieben Monaten des Jahres seien es insgesamt gar 479 gewesen. Die Vereinigung stellt zudem heraus, dass diese Zahlen die schlechtesten in ganz Europa seien. Zum Vergleich: 62 Arbeiter seien bei Unfällen im Januar verstorben. In den darauffolgenden fünf Monaten seien es 42, 50, 87, 69 und 79 gewesen. Nach Angaben der Sozialversicherungsanstalt (SGK) gäbe es in der Türkei täglich 172 Arbeitsunfälle mit durchschnittlich drei Toten. Eine weitere Zahl verdeutlicht das massive Problem: Zwischen 2000 und 2012 starben in der Türkei ganze 12,286 Menschen bei einem Arbeitsunfall (dennoch zieht das neue Anreiz-Paket der Regierung Kapital an – mehr hier).

Saisonkräfte reißen ihre Familie mit ins Unglück

Auch das Thema Migranten als Saisonkräfte greift der Report noch einmal auf. Gerade diese Arbeiter seien häufig zu harten Reise, Lebens-und Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Auch Arbeiter aus dem unterentwickelten Südosten des Landes würden in die Städte in der Schwarzmeer-Region reisen, um dort für einen Zeitraum von vier Monaten während des Sommers ihr Brot zu verdienen. In der Regel würden diese Arbeiter ihre gesamten Familien, auch ihre Kinder, mitnehmen. Auf diese Weise seien während der Reise noch mehr Menschen potentiellen Unfällen oder einer Kombination von übertragbaren Krankheiten und schlechten Lebensbedingungen ausgesetzt. Diese Arbeiter haben bereits zahlreiche Tragödien erlebt: Verkehrsunfälle auf Grund völlig überfüllter Fahrzeuge oder ungesunde oder unsichere Unterkunft. Viele Kinder würden so ihrer Schulbildung beraubt und so gezwungen frühzeitig für ihre Familien zu arbeiten. In der Vergangenheit starben viele von ihnen durch Pestizide, andere trugen chronische Krankheiten davon. Allein am 22. Juli dieses Jahres starben insgesamt 19 Personen in zwei Unfällen in Ağrı und Kırıkkale, als zwei Minibusse, die Saisonkräfte für die Landwirtschaft beförderten, verunglückten.

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