Gesundheitsversorgung in Antakya: Flut syrischer Flüchtlinge treibt Kapazitäten an ihre Grenzen

Die Hauptstadt der südtürkischen Provinz Hatay, Antakya, hat offenbar immense Schwierigkeiten mit den nicht abreißenden Flüchtlingsströmen aus Syrien fertig zu werden. Konkret geht es um die steigende Zahl an Verwundeten, die täglich in die Stadt und in die ohnehin überlasteten Krankenhäuser strömen.

In Antakya stellt sich derzeit offenbar die Frage, wie lange die hiesige Gesundheitsinfrastruktur die Menschen aus Syrien noch versorgen kann. Erst kürzlich kamen Behauptungen auf, Flüchtlinge seien im staatlichen Krankenhaus der Stadt falsch behandelt worden. Die Krankenhausleitung dementierte sofort. Nicht nur Unruhen in den türkischen Flüchtlingscamps (Streitigkeiten um Wasser, Nahrungsmittel und die Aufnahme bestimmter Flüchtlinge waren eskaliert – mehr hier), auch solche Gerüchte zeigen nun: Das Flüchtlingsproblem in der Region hat mittlerweile eine neue Dimension erreicht. Wie türkische Medien derzeit berichten, würden jetzt sogar sektiererische Spannungen in der Stadt, in der sowohl eine sunnitische als auch eine Nusayri-Bevölkerung lebt, drohen.

Fall eines syrischen Kämpfers schürt Gerüchteküche

Das Thema, so heißt es weiter, sei so sensibel, dass es derzeit sogar Ängste gebe, dass die syrische Krise mit ihren bürgerkriegsähnlichen Zuständen nun auf Hatay und ihre Provinzhauptstadt, die Heimat von Tausenden Syrern, überwiegend Sunniten, übergreifen könnte. Antakya gilt als kosmopolitische Stadt mit einer großen alawitischen Bevölkerung. Und sie wurde – mit Ausnahme einiger libanesischer Städte – härter von den Unruhen im Nachbarland getroffen als jede andere Stadt in der Region. Ohne Unterlass strömen syrische Flüchtlinge und Verletzte hinein (die Kriegsgefahr steigt derzeit zusehends – mehr hier).

Vor einigen Tagen wurde nun der Fall des Syrers Mohammed bekannt. Der einstige Reserveoffizier in der syrischen Armee, der mittlerweile für die Freie Syrische Armee kämpfte, wurde in Aleppo verwundet. Von Freunden wurde er darauf hin nach Antakya gebracht, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Gegenüber der türkischen Zeitung Zaman behauptete er später, dass er im dortigen Krankenhaus nicht untersucht worden sei. Obwohl er dort am 4. August über eine Stunde gewartet hätte. Darauf hin zirkulierten Gerüchte in der Stadt, besonders unter syrischen Dissidenten, dass einige Ärzte in den hiesigen Krankenhäusern mit sektiererischen Motiven handelten. Einige behaupteten, dass manche Ärzte bzw. Nusayri Ärzte den syrischen Kämpfern wenig Aufmerksamkeit zukommen ließen. In einigen Fällen sollen sie sich sogar geweigert haben, diese zu behandeln.

Die meisten Verwundeten sterben bereits auf der Flucht

Auf Nachfrage von Zaman dementierte Chefarzt Dr. Ömer Akın derlei Behauptungen entschieden. Darüber hinaus legte er signifikante Zahlen über die an seinem Krankenhaus durchgeführten Operationen und die Zahl der Syrer, die medizinische Behandlungen erhalten haben, vor. Demnach habe man bisher rund 12,000 syrische Patienten aufgenommen. Während der nun schon 17 Monate andauernden Krise seien 2,000 von ihnen stationär aufgenommen worden. Rund 530 Operationen seien darüber hinaus an verwundeten Syrern durchgeführt worden. Nur 39 Verwundete seien im Krankenhaus verstorben. Die meisten seien schon während des Transports hierher ums Leben gekommen. Wie Akın herausstellt, sei bisher keine offizielle Beschwerde eingereicht worden. Die Anschuldigungen, so der Mediziner, entbehrten jeder Grundlage. Gleichzeitig verwies er auf die strenge türkische Gesetzeslage. Falls es zu Misshandlungen und Fehlbehandlungen kommen würde, müsste derjenige mit empfindlichen Strafen rechnen. Die Sensibilität des Themas ist dem Arzt allerdings durchaus bewusst. In seinem Haus herrsche eine strikte Null-Toleranz-Grenze, wenn es um die Diskriminierung von Patienten gehe. Selbstverständlich werde man deshalb den Anschuldigungen auf den Grund gehen.

Gleichzeitig räumte Dr. Ömer Akın jedoch ein, dass die Kapazitäten der Krankenhäuser derzeit äußerst angespannt wären. Teilweise sei eine absolut perfekte medizinische Versorgung daher nicht möglich. Doch das betreffe nicht nur Syrer und sei auch nicht nur hier, sondern in zahlreichen türkischen Städten der Fall.

Fast 60.000 syrische Flüchtlinge derzeit in der Türkei

Nach Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde AFAD halten sich derzeit 59,710 syrische Flüchtlinge in der Türkei auf. 398 Syrer erhalten im Augenblick eine medizinische Behandlung in einem türkischen Krankenhaus. In Anbetracht der angespannten Lage habe Syrer nun damit begonnen die Verwundeten in Wohnungen zu behandeln. In kleinen behelfsmäßigen Arztpraxen, so heißt es weiter, böten syrische Ärzte, die in Europa gelebt hätten, nun ihre Dienste an. Eine offizielle Genehmigung von Seiten des türkischen Gesundheitsministeriums gibt es nicht. Doch die Rufe nach neuen Krankenhäusern und der Erlaubnis für syrische und andere Ärzte aus dem Ausland Seite an Seite mit ihren türkischen Kollegen dort zu arbeiten werden immer lauter.

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