Erdbebensicherung: Die türkische Regierung hat versagt

Anlässlich des Jahrestages des großen Marmara-Erdbebens vom 17. August 1999 haben Fachleute Bilanz gezogen. Seit langem sind viele von ihnen der Ansicht, die Türkei sei nur unzureichend auf wirklich schwere Beben vorbereitet. Doch noch schlimmer: Das, was getan wurde, ist viel zu wenig und geschieht überdies viel zu langsam.

Zwischen 16.000 und 18.000 Tote und mehr als 45.000 Verletzte – in dieser Größenordnung werden die Opfer beziffert, die an diesem Freitag vor genau 13 Jahren beim Marmara-Erdbeben, das in den frühen Morgenstunden des 17. Augusts 1999 die Stufe 7,4 auf der Richterskala erreichte, ihr Leben verloren oder fast verloren haben (Finanzminister Mehmet Simsek musste Ende vergangenen Jahres Rechenschaft darüber ablegen, was mit den Erdbebensteuern geschehen ist – mehr hier). An diese Zahl hat nun unter anderem die Türkische Gewerkschaft der Ingenieure und Architekten (TMMOB) am vergangenen Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz erinnert. Gleichzeitig sprachen Fachleute in diversen Medien auch über die Entwicklung, die die Türkei seither genommen hat.

„Sekundäre Katastrophen“ werden außer Acht gelassen

So wies etwa Oğuz Gündoğdu, Geophysiker an der Universität Istanbul, darauf hin, dass bei einem Großteil der Arbeiten, die durchgeführt wurden, um die Erdbebensicherheit von Gebäuden zu verbessern, so genannte „sekundäre Katastrophen“, die großen Beben folgen würden, einfach ignoriert worden seien (Ein Team der deutschen Hilfsorganisation DTRG wurde beim jüngsten Beben in Van sogar wieder nach Hause geschickt – mehr hier). So gehörten zum Beispiel später ausbrechende Feuer mit zu den größten Gefahren. Der Wissenschaftler wies noch einmal darauf hin, dass solche „sekundären Katastrophen“ noch einmal für hohe Todesraten verantwortlich sein könnten. Derartige Brände verheerenden Ausmaßes hätte es etwa in İstanbul oder aber nach dem Beben in Erzincan gegeben. Gerade in İstanbul, erklärt Gündoğdu weiter, seien Beben auf Grund der besonderen geographischen Lage, so gut wie unvermeidbar. Gleichzeitig mahnte er allerdings: Versuche, das genaue Datum für ein großes Erdbeben genau zu berechnen, würden jedweder wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit entbehren.

Doch das nur am Rande. Das eigentlich Verheerende: Die Metropole am Bosporus sei in der Geschichte bereits von einer ganzen Reihe an Beben heimgesucht und wieder aufgebaut worden. Mittlerweile, so führt Gündoğdu weiter aus, gäbe es keinerlei Entschuldigung mehr, nicht auf ein Erdbeben vorbereitet zu sein (Fachleute gaben auch in Van Baumängel die Schuld an den vielen Opfern – mehr hier). Erst recht nicht in Anbetracht der modernen technischen Möglichkeiten. Erdbebenvorsorge sei daher keine Frage des Mutes, sondern eine Frage der Vernunft. Dementsprechend verwies er auf den Bestand alter Gebäude und mahnte, dass hier dringend Handlungsbedarf bestünde.

Modernisierung der Stadt geht nicht ohne Fachleute

Gegen die jüngsten Modernisierungsbestrebungen habe Gündoğdu zwar nichts einzuwenden. Doch auch bei einer Stadterneuerung sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen und versucht werden, die Einheimischen zu überzeugen. Je nach Distrikt sollten die Arbeiten völlig unterschiedlich ausfallen. Einbezogen werden in die Arbeiten sollten auch technische Experten und Kammern, die dafür Sorge tragen, dass zumindest minimale Standards umgesetzt würden. Geschehe dies nicht, so fürchtet der Geophysiker, könnten dabei gar „merkwürdige“ Gebäude entstehen, wie es bereits im Stadtteil Zeytinburnu der Fall wäre, wo im Bau befindliche Hochhäuser das Stadtbild völlig ruinierten.

Ein düsteres Bild der aktuellen Situation zeichnet auch Hüsnü Gürpınar, Vorsitzender der Niederlassung Sakarya der türkischen Ingenieurskammer (İMO). „Wir sind noch immer nicht auf ein großes Erdbeben vorbereitet, obwohl seit dem großen Marmara-Erdbeben 1999 mittlerweile 13 Jahre vergangen sind“, mahnt er gegenüber der türkischen Nachrichtenagentur Anatolia. Allein in Sakarya, so Gürpınar, seien 1999 25,543 Gebäude schwer beschädigt worden. 19,843 weitere trugen mittelschwere Schäden davon. Die nach dem Beben von 1999 eingeführte Erdbebenversicherung DASK sollte seiner Meinung nach auf den neusten Stand gebracht und verbessert werden. Er zeigt sich überzeugt: „Die Erdbebensicherheit für ein Gebäude sollte schon während der Bauphase beginnen.“ Darüber hinaus kritisierte er die Regierung, die in den vergangenen 13 Jahren keine wirklichen Fortschritte gemacht hätte, nachhaltige Erdbebenvorsorge zu betreiben. Doch genau hier sei nun zügiges Arbeiten angesagt, Erdeben, so Gürpınar weiter, könnten schließlich nicht verhindert werden.

Menschen leben in schwer beschädigten Wohnhäusern

Sakarya galt vor 13 Jahren als eines der am schlimmsten betroffenen Gebiete. Allein hier sollen offiziellen Angaben zufolge 4.894 Menschen gestorben sein. Doch diese Zahl hat tatsächlich nicht viel verändert. Die meisten der damals beschädigten Gebäude wurden nicht verstärkt oder gar abgerissen. So sind etwa im Stadtteil Adapazarı 111 der insgesamt 164 zum Abriss bestimmten Häuser nach wie vor bewohnt und die meisten Mieter denken noch nicht einmal daran, ihre Wohnungen zu verlassen. Notfalls, so zitieren die türkischen Medien Bürgermeister Zeki Toçoğlu, müsse das mit Gewalt geschehen. Seiner Ansicht nach liege es an den Bürgern, die sich der Gefahr offenbar nicht bewusst wären und nicht kooperieren würden. Er kündigte an, die Gebäude, wenn es sein muss, mit Hilfe von Sicherheitskräften räumen zu lassen. Die Bewohner haben unterdessen andere Sorgen. Die alternativ angebotenen Wohnungen seien viel zu weit ab vom Schuss. Es gäbe Schwierigkeiten von dort aus die Arbeitsstelle zu erreichen. Darüber hinaus sei ihnen auch nicht klar, welche Kosten mit den neuen Wohnungen verbunden wären. Anderen wäre es am liebsten, wenn die Wohnungsbaubehörden genau dort wieder aufbauen würden, wo man jetzt bereits lebe.

Stadterneuerung: Profit vor Erdbebensicherheit?

Doch geht es hier vielleicht noch um etwas anderes? (auch bei der Flutkatastrophe von Samsun wurde gefragt, welche Schuld eigentlich die Regierung trage – mehr hier). Türkischen Medienberichten zufolge, gäbe es auch kritische Stimmen, die behaupteten, dass Projekte zur Stadterneuerung, die eigentlich die Gebäude und die städtische Infrastruktur verbessern sollen, angeblich nur dazu dienten, die Taschen der Freunde der Regierung zu füllen. Und das sei ihrer Ansicht nach der Hauptgrund, warum Erdbebensicherung nach wie vor ein derart stiefmütterlich behandeltes Thema sei. In diesem Zusammenhang verwies Hüseyin Kargın von der TMMOB auf der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag auf einen Gesetzesentwurf hin, der versuche die Regeln für die Kontrolle des Baus und der fertiggestellten Gebäude zu ändern und alle Verantwortung an Konzerne und Unternehmen zu übertragen. Sein Vorwurf: Die Regierung wolle durch Privatisierung die Prozesse der Stadtplanung und des Hochbaus monopolisieren. Naturkatastrophen müssten zudem als Ausreden herhalten, um Gesetze und Richtlinien zu erlassen, die der Natur eher schaden, als nützen würden.

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