Wie der „Spiegel“ die DTN als U-Boot der Islamisten enttarnen wollte

Es gab Streit zwischen den DTN und dem Magazin „Spiegel“. Der „Spiegel“ hatte bei den DTN ein Zitat geklaut. Das wollte er offiziell nicht einräumen und schickte zwei Redakteure auf Recherche-Tour. Sie sollten die DTN als islamistisches Hetzblatt enttarnen. Ein Bericht von einer bizarren Begegnung.

Der Streit zwischen dem „Spiegel“ und den Deutsch Türkischen Nachrichten über ein geklautes Zitat (hier) brachte zwei Reporter des „Spiegel“ nach Berlin. Wir nennen sie Woodward und Bernstein, weil uns nichts an einer persönlichen Diffamierung der Kollegen liegt. Die beiden hatten den Auftrag, die fehlenden Beweise für die steile These des „Spiegel“ zu liefern: Dass nämlich die Deutsch Türkischen Nachrichten zum Imperium des umstrittenen Predigers Fetullah Gülen gehören. Dies hatte der Spiegel, wenn auch nur am Rande, in einem Artikel behauptet.

Warum der „Spiegel“ in dieser Sache so verbissen agierte, wurde mir in einem zweieinhalb stündigen Gespräch im Berliner Café Einstein Unter den Linden klar: Woodward war überzeugt, handfeste Beweise zu haben, dass die DTN ein islamistisches Kampfblatt sind. Die beiden Journalisten waren nicht zum Gespräch gekommen, um ergebnisoffen zu recherchieren. Sie waren gekommen, um ein paar Zitate für ihre These einzusammeln.

Das Gespräch verlief bizarr. Eingangs sagte Bernstein, er sei Medienredakteur. Er entschuldigte sich, dass er von deutsch-türkischen Themen keine Ahnung habe und daher die dummen Fragen stellen werde. Ich war erstaunt über diese Einleitung – hatte ich doch in den letzten zwei Jahren deutsch-türkische Themen als sehr komplex erlebt. Ganz ohne Ahnung in einem Bereich zu recherchieren, wo Nuancen oft darüber entscheiden, ob man ein Problem versteht oder nicht, schien mir gewagt.

Nach einigem Vorgeplänkel über die DTN – welche Leser, welche Themen, welche Ziele – über die mich Medienredakteur Bernstein mäßig interessiert ausfragte, kam Woodward ins Spiel. Er hatte schon die ganze Zeit unruhig auf seinem Stuhl gesessen und versucht, das Thema in Richtung Gülen zu lenken.

Ich sagte, wir können gerne über das Gülen-Thema reden – wenngleich mir das Gespräch ja ganz eindeutig als eines angeboten worden war, bei dem es über das Gesamtkonzept der DTN gehen würde. Ich sagte den Reportern, dass – sehr zu meinem Bedauern – religiöse Themen bei den Lesern der DTN jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielten. Ich hätte den Eindruck, dass es bei den Deutsch-Türken entgegen den allgemeinen Vorurteilen so sei wie allen Deutschen: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Religion nur noch ein Minderheitenprogramm ist.

Diese Problematik interessierte Woodward jedoch nicht. Er fragte mich, ob es nicht so sei, dass wir eine gnadenlose Pro-Gülen Kampagne fahren. Ich erklärte ihm, wie wir unsere Berichterstattung über Gülen einteilen: Es gäbe einerseits nachrichtliche Berichte über Gülen-Bildungsinitiativen und andererseits die politische Berichterstattung.

Die Gülen-Einrichtungen in Deutschland werden nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Mehrere diesbezügliche Anfragen der Partei Die Linke, die sich in Deutschland besonders gegen die Gülen-Bewegung engagiert, haben dies eindeutig ergeben. Es ist überdies kein einziger islamistischer Vorfall aus diesen Einrichtungen bekannt. Wir können nicht, aufgrund unbelegter Verdächtigungen, Leute, die sich tagtäglich um die Integration bemühen, in die Nähe des politischen Islamismus rücken. Wir berichten über die Aktivitäten der Bewegung genauso, wie wir über andere religiöse Bewegungen wie Millî Görüş oder den Zentralrat der Muslime berichten. Im Bereich der politischen Berichterstattung über Gülen bemühen sich die DTN um ausgewogene Berichterstattung, wie ja auch das Interview mit dem Gülen-Kritiker Dani Rodrik zeige (hier). Dieses Interview hatte der Spiegel ohne Quellenangabe DTN in seinem Artikel zitiert. Woodward war der Autor des Artikels.

Es war an dieser Stelle bereits schwer, einen Satz zu Ende zu bringen. Immer wieder versuchte Woodward, mir das Wort abzuschneiden. Ich bat ihn immer wieder, doch einfach mal zuzuhören. Ich habe nichts gegen „harte“ Interviews, aber ein gewisses Grundinteresse für die Antworten sollte schon vorhanden sein.

Ich verstand nicht, warum der junge Mann so erregt war. Er nannte mir einige Artikel aus den DTN über Gülen. Er deutet auf einen vergleichsweise schmalen Stapel von Blättern und sagte, hier habe er die „Beweise“. Er begann, mir einige Titel vorzulesen und fragte mich, ob ich wisse, wer die geschrieben habe. Ich sagte, dass wir bei den DTN einige tausend Artikel im Archiv hätten und ich nicht jeden auswendig kannte.

Woodward hatte sich in Rage geredet. Immer wieder fragte er mich, wer diesen oder jenen Artikel geschrieben habe. Was ich sagte, schien ihn nicht zu interessieren. Ich begann zu verstehen, dass er eine These hatte, und von dieser These wollte er sich nicht abbringen lassen. Ich bat ihn, mir doch die Links zu den Texten zu schicken, dann würde ich da mal nachschauen.

Woodward brachte die Anklage, zu einer solchen hatte sich das Interview mittlerweile längst entwickelt, auf eine neue Ebene – und hier eskalierte das Gespräch. Nachdem wir eine Weile über den ausgeschiedenen Herausgeber der DTN diskutiert hatten (mehr zu diesem Disput – hier), fragte Woodward, ob ich wisse, dass eine bestimmte Mitarbeiterin der DTN gleichzeitig bei einer Gülen-Bildungseinrichtung arbeite. Ich sagte ihm, dass die betreffende Mitarbeiterin Vollzeit angestellt sei und daher schon zeitlich gar nicht anderswo arbeiten könne. Ich wusste, dass die betreffende Kollegin bis vor einigen Jahren in einer solchen Bildungseinrichtung gearbeitet hatte: Sie hatte dort deutschen und deutsch-türkischen Kindern Nachhilfe in Deutsch erteilt. Ich halte dies für keinen Makel, sondern im Gegenteil, für eine Qualifikation, um bei einer deutsch-türkischen Publikation zu arbeiten. Zumal die Kollegin ihre ausgezeichnete Abschlussarbeit über einen meiner deutschen Lieblingsdichter verfasst hatte.

Mich ärgerte die Chuzpe, aus einem konstruierten „Netzwerk“-Kontext einer unbescholtenen, exzellenten Kollegin einen Vorwurf zu machen. Selbst die schärfsten Gülen-Kritiker haben an der Bildungsarbeit der Bewegung nichts auszusetzen. Die betreffende Kollegin ist hochgebildet, liberal und extrem pflichtbewusst, was journalistische Standards anlangt. Die Idee, einer jungen deutschen Frau durch eine bloße Unterstellung einen „islamistischen“ Hintergrund anhängen zu wollen, fand ich diskriminierend.

Gerade intellektuelle muslimische Frauen leiden in Deutschland unter den ständigen Verdächtigungen, denen sie ausgesetzt sind, nur weil sie ein Kopftuch tragen. Dies hat konkrete Folgen: Eine Kollegin hat mir erzählt, dass ihr bei einer großen deutschen Tageszeitung gesagt wurde, dass sie mit Kopftuch keinen Job erhalten könne. Als erste Journalistin mit Kopftuch in dieser Redaktion wurde ihr jedoch ein Praktikum gewährt: Sie wurde gebeten, der Redaktion einige Hilfe bei den Themen „Migration und Ausländer“ zu geben. Die Kollegin ist in Deutschland geboren, ist deutsche Staatsbürgerin und spricht einen breiten Dialekt ihrer Region. In einem solchen Umfeld bin ich sehr sensibel, wenn es um Diskrimierung geht. Was es für die berufliche Laufbahn einer Frau bedeutet, wenn sie dann noch eben mal so in die Nähe des Islamismus gerückt wird, kann sich eigentlich auch ein Spiegel-Redakteur ausrechnen.

Woodward hat die von ihm als „verdächtig“ eingestufte Kollegin noch nie gesehen. Er hat noch nie mit ihr gesprochen.

Woodward fragte: „Würden Sie auch jemand von Scientology anstellen?“ Ich sagte, die fachliche Qualifikation sei entscheidend. Im Übrigen gelte die Freiheit, dass jedermann die Weltanschauung haben könne, die er für richtig hält. Ich sagte: „Ich frage ja auch meine katholischen Mitarbeiter nicht, ob sie beim Opus Dei sind.“

An dieser Stelle meldete sich Bernstein zu Wort. Er hatte längere Zeit nichts gesagt, weil er unserem Disput zu den deutsch-türkischen Verwicklungen wegen Gülen offenkundig nicht ganz folgen konnte. Er sagte: „Sie sind doch Katholik. Gehören Sie eigentlich eher einer konservativen Strömung an oder einer progressiven?“

Da platzte mir der Kragen. Ich sagte Bernstein, dass ihm eine solche Frage nicht zustünde. Religion sei Privatsache. Er habe kein Recht, mich in einem Gespräch über die Deutsch Türkischen Nachrichten über Nuancen meiner Religiosität auszufragen.

Für mich war das Gespräch an dieser Stelle beendet. Die beiden Journalisten versuchten noch eine Weile, ihre These festzuklopfen. Ich konnte dazu nichts mehr beitragen.

Das Gespräch war für mich dennoch sehr aufschlussreich: Denn nun verstand ich, warum der „Spiegel“ die DTN nicht als Quelle für das extrem Gülen-kritische Zitat genannt hatte: Das war kein Versehen, sondern pure Manipulation. Denn einzuräumen, dass die DTN eben auch sehr Gülen-kritisch berichten, hätte die These des Autors, wir seien ein U-Boot, zerstört.

Wir haben bis zum heutigen Tage vom Spiegel keine Antworten auf unsere Fragen zu dieser Art von „Recherche“ erhalten. Der Spiegel hat am Freitag ein Word-Dokument zu dem Thema an einige Redaktionen verteilt. Die DTN haben dieses Dokument nicht erhalten.

In diesem Papier sind die Vorwürfe, die mir Woodward im Einstein vorlegt hat, zusammengefasst. Immerhin räumt der Spiegel in diesem inoffiziellen Papier (kein Briefkopf, ungeschütztes Word-Dokument, kein Ansprechpartner, keine Absätze) ein, dass es ein Fehler war, die Quelle zu verschweigen. Allerdings, so das Papier, bleibe der Spiegel bei seiner Darstellung, dass die DTN zum Gülen-Imperium gehören.

Wir hätten das Thema an dieser Stelle beendet – hätte unsere Redaktion am Freitag nicht einen Anruf aus einem Nachhilfezentrum erhalten. Die Information: Der „Spiegel“ habe unbescholtene Mitarbeiterinnen aggressiv bedrängt, um diese zur Herausgabe von Daten über die private Tätigkeit einer DTN-Mitarbeiterin zu veranlassen.

Da hat uns die Sache dann doch noch einmal interessiert. Wir haben den Vorfall recherchiert und werden darüber in den kommenden Tagen auf den DTN berichten.

Lesen Sie demnächst:
Rüde Recherche-Methode: Muslimische Frauen fühlen sich von „Spiegel“-Reporter bedroht (jetzt online)

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