Rüde Recherche-Methode: Muslimische Frauen fühlen sich von „Spiegel“-Reporter bedroht

Ein Redakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hat bei einer Recherche offenbar massiven Druck auf zwei Angestellte in einer von Muslimen betriebenen Nachhilfe-Einrichtung ausgeübt. Beide Frauen berichten, dass sie sich bedroht gefühlt haben. Die Chronologie einer unzulässigen Recherche.

Der Hintergrund
Die Gülen-Bewegung ist umstritten: Kritiker werfen ihr vor, sie verfolge eine versteckte, islamische Agenda. Vor allem in der türkischen Innenpolitik sind Anhänger der Bewegung in zahlreiche Scharmützel mit Kemalisten verwickelt. Unstrittig ist dagegen selbst bei den schärfsten Kritikern, dass zahllose Gülen-Anhänger – vor allem Frauen – weltweit wertvolle ehrenamtliche Sozialarbeit in Schulen und Bildungseinrichtungen leisten (hier). Auch in Deutschland betreibt die Bewegung seit Jahren zahlreiche Schul- und Nachhilfezentren. Es hat nie einen islamistischen Zwischenfall gegeben. Der Verfassungsschutz hat auf parlamentarische Anfragen der Partei Die Linke festgestellt, dass keine der Gülen-Einrichtungen unter Beobachtung stehe, weil die Sozial- und Bildungsarbeit im Einklang mit allen in Deutschland geltenden Rechtsvorschriften abläuft.

Die Vorgeschichte
Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hat vor zwei Wochen einen Artikel über die Bewegung geschrieben – und in diesem Zusammenhang auch die Deutsch Türkischen Nachrichten dem „Einflussbereich“ der Gülens zugeordnet (hier). Nachdem die DTN dem „Spiegel“ mitgeteilt hatten, dass sie nicht zum Gülen-Imperium gehören, wollte der Spiegel erst recht beweisen, dass die DTN kein unabhängiges Nachrichtenmedium, sondern Teil der Gülen-Bewegung sind. Der Spiegel geht in seinem Gülen-Artikel implizit davon aus, dass auch die Bildungseinrichtungen nichts anderes sind als versteckte islamistische Zellen. Der umstrittene Artikel ist, wie der Mediendienst Meedia herausgefunden hat, im Archiv des Spiegels nicht auffindbar (hier).

Eine DTN-Mitarbeiterin hat bis vor zwei Jahren in einem solchen Zentrum gelegentlich Nachhilfe erteilt. Diese Tatsache wertete der Spiegel als Beweis, dass auch die DTN zum Gülen-Imperium gehören. Schon beim Interview mit dem Herausgeber der DTN zeigte sich, dass der Spiegel keine Fakten vorliegen hatte, sondern den Vorwurf auf nichts anderes aufbaute als auf Mutmaßungen und einer handfesten Denunziation (mehr zu diesem bizarren Gespräch – hier).

Um die unhaltbare These dennoch zu retten, wollte der Spiegel-Redakteur in einem Berliner Bildungszentrum herausfinden, ob die Mitarbeiterin wirklich dort Nachhilfe gegeben habe. Offenkundig unter Druck von der Redaktion, die Geschichte innerhalb weniger Tage „rund“ zu bekommen, überschritt der Redakteur die Grenzen des Anstands und der Berufsethik.

Wir dokumentieren im Folgenden den Ablauf der Spiegel-Recherche in einem Berliner Nachhilfezentrum. Die „Recherche“ zeigt beispielhaft, wie unbescholtene muslimische Frauen willkürlich in die Nähe des islamistischen Terrorismus gebracht werden. Wir nennen die Mitarbeiterin hier Ayşe (1). Die Praktikantin bleibt anonym, die Sekretärin nennen wir Lara (2). Den Spiegel-Redakteur nennen wir Holzmann. (3)

Montag
Ein seltsamer Anruf: Mehrfach ruft in dem von muslimischen Frauen geführten Bildungszentrum eine Frau an, die sich als „Anna“ ausgibt. Sie verlangt nach Ayşe und behauptet, eine Freundin von ihr zu sein. Den Anruf nimmt eine Praktikantin entgegen. Sie sagt, dass im Zentrum keine Ayşe arbeite. „Anna“ ruft dennoch dreimal an. Die Praktikantin und die Sekretärin Lara erzählen, dass ihr die Anrufe seltsam vorkamen – hektisch und nervös, obwohl man „Anna“ mehrfach sagte, dass in dem Zentrum keine Ayşe arbeitet. In der Nachhilfe ist man über die Anrufe irritiert. Man kennt sich dort persönlich.

Dienstag
Der Redakteur ruft bei der Nachhilfe an. Er stellt sich namentlich vor –Holzmann vom „Spiegel“ – und fragt, ob Ayşe im Zentrum arbeite. Die Praktikantin sagt, sie kenne keine Ayşe. Holzmann solle am nächsten Tag nach 15 Uhr wieder anrufen, dann sei die Sekretärin zu erreichen. Wie die Sekretärin heißt, will er wissen. Der Praktikantin ist der Anruf nicht geheuer. Schließlich sagt sie: Die Sekretärin heißt Dana. Der Redakteur: „Und, hat sie keinen Familiennamen?“ Die Praktikantin weiß nicht, wer der Mann ist. Jeder kann am Telefon sagen er sei vom Spiegel. Holzmann lässt nicht locker: „Geben Sie mir den Namen!“ Die Praktikantin sagt, sie wisse nicht, wie Dana mit Familiennamen heißt. Holzmann: „Was, Sie wissen nicht, wie Ihre Kollegin heißt?“ Er merkt offenbar nicht, dass er die Frau am anderen Ende der Leitung in die Ecke getrieben hat.

Nach dem Gespräch berichtet die Praktikantin der Sekretärin von dem Anruf. Die Sekretärin klärt die erst seit kurzem in der Nachhilfe tätige Praktikantin auf: Ayşe hat vor einigen Jahren im Zentrum Nachhilfestunden gegeben, ist aber seit zwei Jahren nicht mehr dort, weil sie ihr Studium beendet hat. Es ist das erste Mal, dass die Praktikantin den Namen Ayşe hört.

Donnerstag, 14.30 Uhr
Um 14.30 Uhr ruft Holzmann erneut an und verlangt nach der Sekretärin – die jedoch, wie ihm tags zuvor mitgeteilt wurde, erst ab 15 Uhr im Zentrum ist. Erneut fragt Holzmann die Praktikantin nach Ayşe. Die Praktikantin weigert sich. Sie sagt, sie dürfe am Telefon keine Auskünfte über Personen an Unbekannte geben. Holzmann insistiert: Die Praktikantin könne ihm ja wenigstens sagen, wie lange Ayşe im Zentrum gearbeitet habe. Holzmann fragt schnell und hektisch, immer wieder unterbricht er die Praktikantin. Er sagt, er habe keine Zeit, er müsse das jetzt wissen. Er sagt: „Gib mal ne Antwort.“ Im Zimmer der Praktikantin sitzen Eltern, sie kann eigentlich gar nicht reden. Es ist ihr sehr peinlich, weil die Eltern das offenkundig unangenehme Gespräch mitbekommen; um den Anrufer loszuwerden, von dem sie nicht weiß, wer er wirklich ist, sagt sie schließlich, dass Ayşe vor zwei Jahren im Zentrum tätig war, jetzt aber nicht mehr dort arbeite. Daraufhin nimmt Holzmann die Praktikantin in die Mangel: „Sie wissen, das ist Betrug, was Sie da machen. Sie lügen mich an. Gestern haben Sie gesagt, Sie wissen nicht wer das ist, jetzt sagen Sie, die war vor zwei Jahren da.“ Die Praktikantin beendet das Gespräch, entschuldigt sich bei den Eltern und berichtet der Sekretärin von dem Vorfall.

Donnerstag, 17 Uhr
Holzmann erreicht die Sekretärin am Telefon.
Holzmann: „Guten Tag, hier Holzmann vom Spiegel“.
Sekretärin: „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“
Holzmann: „Bist Du Lara?“
Sekretärin: „Ich bin die Sekretärin.“
Holzmann: „Ich recherchiere eine Geschichte über die Gülen-Bewegung.“
Sekretärin „Sie sind hier bei der Nachhilfe, da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich gebe Ihnen die Nummer von der Zentrale.“
Das will Holzmann nicht. Er will eine Antwort, jetzt sofort. Der Sekretärin ist das Gespräch unangenehm, sie versucht jedoch, die Ruhe zu bewahren, was ihr allerdings nicht immer gelingt. Holzmann wird ungehalten. Immer wieder verfällt er im Gespräch ins Du-Wort und fragt: „Bist Du Lara? Bist Du Lara?“
Schließlich verliert der Spiegel-Mann die Contenance und herrscht die Sekretärin an: „Ich weiß doch, was ihr tut und wer ihr seid. Ich weiß, dass ihr da mit drinsteckt. Ich werde einen Bericht schreiben und das wird alles drinstehen.“

Das Gespräch wird hektisch. Holzmann verlangt von der Sekretärin mehrfach, dass sie ihm sagen solle, wie sie heiße. Immer wieder fragt er nach Ayşe. Er will wissen, wie lange Ayşe Nachhilfe gegeben hat. Die Sekretärin sagt, sie dürfe dazu am Telefon keine Auskünfte geben. Darauf sagt Holzmann, er habe eine Quelle, die bestätigen könne, dass Ayşe im Zentrum gearbeitet habe.
Sekretärin: „Wenn sie es so genau wissen, warum fragen Sie mich dann?“
Holzmann: „Ach so, dann hat sie also doch hier gearbeitet?“
Sekretärin: „Rufen Sie bitte in unserer Zentrale der Einrichtung an. Ich gebe Ihnen die Nummer.“ Darauf Holzmann: „Ich rufe an, wo ich will. Sie haben mir hier gar nichts zu befehlen!“
Dieser Satz trifft die Sekretärin besonders. Sie beteuert, mehrfach „bitte“ gesagt zu haben.

Die Sekretärin hat den Eindruck, bei einem Verhör zu sein. Holzmann hört ihr nicht zu, sondern wiederholt immer wieder dieselben Fragen. Nachdem sie den Hörer aufgelegt hat, ist sie schweißgebadet.

Zwei Tage nach dem Telefonat sagt die Sekretärin: „Ich habe mich bedroht gefühlt. Ich wusste nicht, ob ich etwas falsch gemacht habe.“ Die Praktikantin ist auch Tage nach den Anrufen noch verstört: „Als der Mann von Betrug und Lüge sprach, habe ich Angst bekommen.“

Fazit der DTN-Redaktion:
Einfache muslimische Frauen werden telefonisch von einem unbekannten Mann bedrängt. Der Mann ist ein junger Spiegel-Redakteur, er hat sein Handwerk auf einer renommierten Journalisten-Schule gelernt. Das Problem ist jedoch nicht der junge Redakteur.

Das Problem ist, dass die Chefredaktion der Spiegel offenbar nicht dafür gesorgt hat, dass dieser Redakteur bei seiner „Recherche“ professionell geführt wurde. Im Gegenteil: Offenkundig wurde der junge Mann ausgeschickt, um die Fakten „hart“ zu bekommen – und zwar so schnell als möglich. Die Spiegel-Chefredaktion wäre verpflichtet gewesen, genau hinzuschauen, bevor sie den Kollegen ins Feuer schickt. Dann hätte sie festgestellt, dass es sich um Verdächtigungen handelt, deren Grundlage das Hörensagen ist. Denn der Redakteur kannte Ayşe nicht, hat nie mit ihr gesprochen. Spätestens hier hätte die Chefredaktion zur Vorsicht mahnen und erkennen müssen, dass es sich hier nicht um Verdachtsmomente, sondern um eine Denunziation handelt. Eine Denunziation kann man nicht „hart“ bekommen.

Es ist außerordentlich erstaunlich, dass es offenbar beim Spiegel gängige Praxis ist, dass Redakteure irgendwo bei unbeteiligten Bürgern anrufen und sich nicht anders legitimieren als über das Telefon. Woher hätten die Angerufenen wissen sollen, dass der Anrufer wirklich vom Spiegel ist? Der Redakteur hatte keine Rückrufnummer hinterlassen, obwohl er mehrfach darum gebeten wurde.

Es ist bemerkenswert, dass der Spiegel einfache Leute zur Verletzung des Datenschutzgesetzes nötigt. Uns ist schon klar, dass man sich bei investigativen Recherchen oftmals auch unkonventioneller Methoden bedienen muss. Dass mag bei Kriminellen gar nicht anders gehen. Muslimische Frauen sind jedoch nicht per se Kriminelle. Sie haben dieselben Rechte wie alle Bürger in diesem Staat. Sie haben ein Recht auf respektvolle Behandlung.

Wie aus einer den DTN vorliegenden internen Email des Spiegel hervorgeht, wusste die Chefredaktion des Spiegel, dass diese Recherche stattfinden wird. Der Chefredakteur des Spiegel, Georg Mascolo, gilt als einer der führenden investigativen Journalisten des Landes. Mascolo hat eine Interview-Anfrage der DTN trotz mehrmaligen Nachfragens unbeantwortet gelassen. Die Redaktion des Spiegel hat eine Stellungnahme zu dem Vorfall in der Nachhilfe nicht beantwortet. Die Interview-Anfragen an den Spiegel waren nicht in türkischer Sprache formuliert gewesen.

Die Aktion des Spiegel wirft eine grundsätzliche Frage auf: Dürfen fromme, unbescholtene deutsche Staatsbürgerinnen muslimischen Glaubens durch pure Verdächtigung in die Nähe des militanten Islamismus gedrängt werden – nur weil ein Medium eine steile These braucht?

Die willkürliche Jagd auf muslimische Frauen darf nicht Teil der publizistischen Kultur in einem aufgeklärten Land wie Deutschland werden. Diese Frauen müssen sich ohnehin tagein, tagaus dafür rechtfertigen, dass sie „anders“ sind. Sie leben seit dem 11. September 2001 unter dem ständigen Generalverdacht, in irgendeiner Weise dem Terrorismus Vorschub zu leisten. Immer wieder erleben sie Formen eines unangenehmen Alltags-Rassismus. Es gibt genug Kräfte in der Gesellschaft, die dieses Klima von Verdächtigung, Misstrauen und Einschüchterung am Köcheln halten wollen. Der Spiegel verstand sich einmal als das Sturmgeschütz der Demokratie, als die Stimme der Aufklärung. Er sollte sich fragen, wie er diesem Selbstverständnis in einer kompliziert gewordenen, multiethnischen Gesellschaft gerecht werden kann.

Hinweis (1)
Ayşe: Name und Funktion der DTN-Mitarbeiterin bleiben vertraulich, weil die Mitarbeiterin fürchtet, dass der Verdacht einer unterstellten Verbindung von ihr zu angeblichen Islamisten ihre berufliche Laufbahn zerstören könnte. Insbesondere fürchtet sie eine dauerhafte Verbindung ihres Namens mit dem Islamismus bei der Google-Suche.

Hinweis (2)
Die Frauen in der Nachhilfe: Die Namen der Mitarbeiterinnen werden auf Wunsch der Betroffenen aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht. Die Gespräche sind bei den DTN dokumentiert.

Hinweis (3)
Holzmann: Der Name des Spiegel-Redakteurs ist der DTN-Redaktion bekannt. Wir gaben Holzmann einen Decknamen, weil er nur das schwächste Glied in der Kette ist.

Die Zeitung „Zaman“, die zum Gülen-Medienhaus World Media Group gehört, und sich ebenfalls über die Recherche-Methoden des Spiegel beschwert, hat einen Journalisten mit Klarnamen in drei langen Texten attackiert. Dieser Journalist empfindet das, wie er den DTN sagte, als Kampagne. Das können wir verstehen und halten ein solches Vorgehen für unzulässig. Auch der Pranger ist kein Mittel des Journalismus in einer aufgeklärten Demokratie.

Update: Die Praktikantin hat, nachdem sie die Chronologie auf den DTN gelesen hat, nochmal ihre Aufzeichnungen geprüft und dabei festgestellt, dass der zweite Anruf von Holzmann nicht am Mittwoch, sondern am Donnerstag um 14.30 Uhr stattgefunden hat. Dies mag ein unerhebliches Detail sein – wir haben diesen Eintrag dennoch entsprechend korrigiert.

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