Sorge der Europäischen Investitionsbank: Bleibt die türkische Wirtschaft trotz Syrien und Irak stabil?

Die Europäische Investitionsbank (EIB) ist zwar mit der aktuellen Entwicklung der türkischen Wirtschaft zufrieden. Auf der anderen Seite wachsen jedoch Befürchtungen, dass die Probleme mit Syrien und dem Irak die gute Stimmung schon bald kippen lassen könnten.

Ein ums andere Mal lobt sich die türkische Wirtschaft derzeit selbst in den Himmel. Politiker und Unternehmer geben sich selbstbewusst und sagen dem Land eine rosige Zukunft voraus (auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zeichnete der Coca-Cola-Chef Muhtar Kent ein glänzendes Bild für das wirtschaftliche Fortkommen der Türkei – mehr hier). Und in der Tat, der ökonomische Zustand der Türkei scheint derzeit im Gegensatz zu einigen europäischen Staaten ziemlich stabil. Ob das allerdings auch in den kommenden sechs Monaten so bleibt, daran hat Alain Terraillon, Leiter des Ankara Büros der Europäischen Investmentbank, hauptsächlich wegen der politischen Probleme mit Syrien und dem Irak, Zweifel.

Die kommenden sechs Monate könnten alles verändern

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Anatolia verweist Terraillon auf die positiven Arbeitslosenzahlen. Auch die Attraktivität der türkischen Wirtschaft für Investitionen hebt er hervor. Insgesamt seien die Zahlen, gerade im Vergleich zu Europa, sehr gut. Gleichzeitig gibt sich der Fachmann jedoch skeptisch: „Ich bin mir nicht sicher, ob diese in den kommenden sechs Monaten aufrechterhalten werden können. Denn es gibt politische Probleme etwa mit Syrien und dem Irak.“

Die Beziehungen zwischen der Türkei und dem einst freundschaftlich verbundenen Nachbarn Syrien liegen bereits seit längerem auf Eis. Wiederholt hatte das Regime von Präsident Bashar al-Assad Warnungen der Türkei die blutigen Niederschlagungen zu beenden in den Wind geschlagen. Letztlich brachen die Türkei die diplomatischen Beziehungen ab (das Engagement für die syrischen Flüchtlinge ist davon nicht betroffen – mehr hier).

Die Beziehungen zum Irak sind auf Grund des irakischen Vize-Präsidenten Tarek al-Haschemi ebenfalls angespannt. Ende Dezember war Haftbefehl gegen den Sunniten erlassen worden, worauf hin al-Haschemi, der einen Putsch geplant habe, an blutigen Terrorattacken beteiligt gewesen sein und Todesschwadronen unterhalten haben soll, aus Bagdad flüchtete. Doch das Vorhaben von Premier Nuri al-Maliki, den Geflüchteten vor Gericht zu stellen, stieß in der Türkei auf massive Kritik. Der Vorwurf von Seiten des türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan: al-Maliki heize den Konflikt zwischen Kurden, Schiiten und Sunniten so nur noch weiter an. Derweil hatte sich Tarek al-Haschemi im vergangenen April in Istanbul niedergelassen. Doch dem nicht genug: Mit dem direkten Kauf von Kraftstoff aus der kurdischen Regionalregierung im Nordirak stellte sich die Türkei erneut gegen Bagdad (Barham Salih, ein hochrangiger Politiker der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), hat die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und dem irakischen Kurdistan gelobt – mehr hier).

Europäische Investitionsbank plant weiter in der Türkei

Doch wie ist die Lage tatsächlich? Die ausländischen Direktinvestitionen erreichten nach Angaben des türkischen Wirtschaftsminiseriums in der ersten Hälfte des Jahres 2012 ganze 8,2 Milliarden Dollar. Auch die Europäische Investitionsbank ist in der Türkei aktiv. Laut der türkischen Zeitung Hürriyet sei das Haus derzeit unter anderem am Eurasia Tunnel Projekt beteiligt. Auch lässt man sich offenbar noch nicht von den derzeitigen außenpolitischen Spannungen von längerfristigen Planungen abbringen. Denn danach werde man sich, laut Alain Terraillon, nicht etwa zurückziehen, sondern stattdessen auf den türkischen Gesundheitssektor konzentrieren. Bereits ab 2013, so kündigt er an, werde man türkische Unternehmen bei ihren Investitionen in Forschung, Entwicklung und Innovation unterstützen (ähnliche Ambitionen kündigte vor kurzem auch der türkische Wissenschaftsrat an – mehr hier).

Die Europäische Investitionsbank ist bereits seit gut 40 Jahren in der Türkei aktiv. Das Kreditvolumen wuchs gerade in den vergangenen Jahren rasant. Waren es 2005 300.000 Millionen Euro, wurde dieses 2011, laut Terraillon, auf zwei Milliarden Euro, die für Projekte in allen wichtigen Wirtschaftsbereichen des Landes zur Verfügung gestellt wurden, hochgeschraubt. Damit war die Türkei 2011 der größte Empfänger von EIB-Darlehen unter den Nicht-EU-Ländern. Darüber hinaus wurde erst im Juni dieses Jahres bekanntgegeben, dass man erneut intelligentes Wachstum in der Türkei fördern wolle. Dazu hieß es in einer Erklärung vom 28. Juni 2012: „Ein Finanzierungspaket von insgesamt 475 Mio EUR soll kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), mittelgroßen bis größeren Unternehmen (Midcaps) sowie dem Klimaschutz zugute kommen. Das Finanzierungspaket umfasst vier separate Darlehensfazilitäten für vier große öffentliche Banken und Förderinstitute mit starken und sich ergänzenden Marktpositionen in der Türkei: Halkbank, Türkiye Sinai Kalkınma Bankası (TSKB) und Ziraatbank für Unternehmensfinanzierungen und ILBANK für Finanzierungen im Bereich Umwelt- und Klimaschutz.“

Mehr zum Thema:

Kehrtwende in der Krise: Türkische Investoren wollen in griechische Häfen investieren
Egemen Bağış: „Mit der Zeit wird die EU den Wert der Türkei erkennen“
Wie in Spanien und den USA: Türkische Immobilienblase droht zu platzen


Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.