Röslers „Blue Card“ bringt keine Facharbeiter nach Deutschland

Seit August können Fachkräfte von außerhalb der EU leichter in Deutschland bleiben. Der Kampf gegen den Fachkräftemangel erfordert allerdings ein umfassenderes Konzept. Denn die neue Regelung hilft vor allem hochqualifizierten Fachkräften, nicht aber Facharbeitern.

Anfang des Monats wurde in Deutschland die sogenannte Blue Card eingeführt. Sie soll es Akademikern und Menschen mit vergleichbarer Qualifikation aus Ländern außerhalb der Europäischen Union erleichtern, ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu bekommen. Mit der Blue Card dürfen hochqualifizierte Fachkräfte in Deutschland bleiben, wenn sie einen Arbeitsvertrag bei einem heimischen Arbeitgeber vorweisen können. Das Jahresgehalt muss dabei allerdings bei mindestens 44.800 Euro liegen. In Branchen in denen der Fachkräftemangel akut ist, wie etwa bei Ärzten oder Ingenieuren, reicht ein Jahresgehalt von 35.000 Euro aus, um die Blue Card zu erhalten.

Bei entsprechenden Deutsch-Kenntnissen können hochqualifizierte Fachkräfte nach 21 Arbeitsmonaten zudem eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis erhalten. Außerdem bekommen Hochschulabsolventen aus Drittstaaten die Chance, innerhalb von 18 Monaten einen Job in Deutschland zu finden. Diese Erleichterung gilt auch für Nicht-EU-Bürger, die eine deutsche Hochschule absolviert haben.

Keine unmittelbare Milderung des Fachkräftemangels

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler lobt die Neuregulierung als „Schritt in die richtige Richtung“. Fachleute sehen den tatsächlichen Effekt kritisch: „Die Blue Card wird keine unmittelbare Milderung des Fachkräftemangels bringen“, sagte Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) den Rödl Business News.

Denn es fehlen in Deutschland vor allem Facharbeiter in den Bereichen der Altenpflege, oder der Metall- und Elektroindustrie. Diese Gruppen werden aber wegen des deutlich geringeren Gehalts und eines anderen Qualifikationsgrades nicht von der Blue Card profitieren.

Aber selbst wenn auch Facharbeiter aus aller Welt leichter nach Deutschland kommen könnten, wäre der Fachkräftemangel nicht behoben: „Durch den demographischen Wandel kommen Millionen von Erwerbsfähigen abhanden. Das kann alleine durch Zuwanderung nicht ausgeglichen werden“, sagt Holger Schäfer.

Deutsche müssen künftig länger arbeiten

Daher ist aus Sicht des IW Köln eine umfassende Fachkräftestrategie nötig, die auf drei Säulen beruht. Die Zuwanderung von Fachkräften ist dabei nur ein Aspekt. Die zweite Säule ist, das Potenzial an Arbeitskräften besser auszunutzen. Dies kann zum einen dadurch erreicht werden, dass auch Frauen und ältere Erwerbsfähige verstärkt in den Arbeitsmarkt integriert werden. Zum anderen müsse auch die Arbeitszeit ausgeweitet werden, erklärt Holger Schäfer. Demnach sollen mehr Teilzeitstellen in Vollzeitstellen umgewandelt werden. Die Deutschen werden sich künftig auch auf eine längere Lebensarbeitszeit einstellen müssen.

Die dritte Säule in der Fachkräftestrategie des IW Köln ist, die Arbeitszeit selbst effektiver zu nutzen. Dies soll unter anderem durch bessere Ausbildung erreicht werden.

„Die neue Regelung des Aufenthaltsrechts für hochqualifizierte Fachkräfte ist tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn sie fast 10 Jahre zu spät kommt“, sagt Holger Schäfer. Es gilt also, möglichst bald weitere Maßnahmen umzusetzen, um den Fachkräftemangel unter Kontrolle zu bringen. Ein entscheidender Faktor spielt dabei gegen Politik und Wirtschaft: Wegen der Bevölkerungsentwicklung und weil sich die Wirkung dieser Maßnahmen oft nicht sofort einsetzt, läuft ihnen die Zeit davon.

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