Notruf in der Türkei: Ausländer haben schlechte Karten

Anrufer, die in der Türkei die Polizei-Hotline 155 wählen, aber der Landessprache nicht mächtig sind, scheinen offenbar ein ernsthaftes Problem zu haben. Das zeigte jüngst der Fall des Englischlehrers Paul Hearn, der nicht zu einem Englisch sprechenden Beamten durchgestellt werden konnte. Und er ist nicht der einzige Betroffene.

Paul Hearn, so berichten derzeit die türkischen Medien, lebe bereits seit gut 17 Jahren in der Türkei. Vergangene Woche sah er sich nun gezwungen, die 155, den türkischen Notruf, zu wählen, um sich über ein Auto zu beschweren, dass über mehrere Wochen hinweg immer wieder mitten in der Nacht die Ruhe in seiner Nachbarschaft störte. Doch erfolgreich soll er bei seinem Vorhaben nicht gewesen sein. Denn es gab offenbar keinen Polizeibeamten, der ihm auf Englisch behilflich sein konnte (Mangelnde Fremdsprachen-Kenntnisse behindern das weitere Wirtschaftswachstum der Türkei, so die Einschätzung der Ökonomen – mehr hier).

Ganz ähnlich soll es auch Anna D. ergangen sein. Als sie das erste Mal in die Türkei kam, soll sie kein Wort Türkisch gesprochen haben. Dann fiel sie in der Istanbuler İstiklal Straße einem Verbrechen zum Opfer. Als sie die 155 rief, stand auch sie vor dem Problem, dass sie am anderen Ende der Leitung niemand verstehen konnte.

30 Millionen Touristen: Polizei muss Fremdsprachen lernen

„Viele ausländische Bürger in der Türkei können sich gegenüber der Polizei auf Grund von Sprachbarrieren nicht verständigen“, beschreibt die Journalistin Duygu Özkan die Problematik. Nach jahrelangen Erfahrungen sei etwa Paul Hearn zu der Erkenntnis gelangt, dass türkische Polizeibeamte derart mangelnde Fremdsprachenkenntnisse hätten, dass sie nicht in der Lage seien, zu sprechen oder gar zu verstehen. In Anbetracht der Tatsache, dass jährlich fast 30 Millionen Touristen in die Türkei kämen und im Jahr 2011 immerhin ganze 200.000 Ausländer hier lebten, seien die mangelnden Sprachkenntnisse der türkischen Polizei ein absolut ernsthaftes Problem (auch unter türkischen Piloten soll es Probleme geben – mehr hier).

Dass die Situation derart heikel ist, wird jedoch von der Nationalen Polizeibehörde bestritten. Von deren Seite heißt es, dass in jeder der großen türkischen Metropolen, also sowohl in İstanbul, Ankara, Bursa als auch in İzmir, mindestens zwei Polizeibeamte an der Hotline abgestellt seien, die Englisch könnten. Gerade in Touristenregionen seien Beamte, die Fremdsprachen wie Deutsch oder Französisch sprächen, angehalten, sich um die Besucher zu kümmern. In der Urlaubszeit sei dieser Service allerdings nicht zu gewährleisten.

Sprachen werden bei Hotline-Einteilung nicht berücksichtigt

Doch zurück zu Paul Hearn: Immer wieder habe er in den letzten Monaten Versuche gestartet, doch noch den richtigen Ansprechpartner zu finden. Nachdem er bei einem Beamten gelandet sei, erklärte man ihm, ihn durchzustellen. Dann wurde die Verbindung jedoch gekappt. Hearn, so heißt es weiter, könne durchaus Türkisch, er frage sich nun allerdings, was passieren würde, wenn dem nicht so wäre. Er, so gibt er gegenüber der Presse zu Protokoll, würde sich weiterhin mit diesem Thema beschäftigen. Anna D. hat jedoch kapituliert. Für sie kommt ein Anruf bei der Polizei nicht mehr in Frage.

Wie ein Polizeibeamter gegenüber Özkan erklärte, könnten einige seiner Kollegen durchaus Fremdsprachen. Das Niveau sei jedoch ausgesprochen niedrig. Ein weiterer, mittlerweile in Pension befindlicher Polizist, weist auf ein anderes Problem in diesem Zusammenhang hin. Ihm zufolge, würde die Einteilung an der Hotline ohne Berücksichtigung der Fremdsprachenkenntnisse erfolgen.

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