Türkei: Die Wiege der Sprachen?

Eine aktuelle Studie des neuseeländischen Sprachwissenschaftlers Quentin Atkinson entfacht eine neue Debatte über sprachliche Wurzeln.

Könnte ein einfaches Wort wie etwa „Mutter“ beweisen, dass die Türkei der Geburtsort von so vielen unterschiedlichen Sprachen wie Hindi, Russisch, Dänisch, Albanisch, Italienisch und Englisch ist? Nach Ansicht einiger Wissenschaftler schon. Um ihre These zu stützen, haben sie sich eines komplexen Computerprogramms bedient, das eigentlich konzipiert wurde, um auf einer Karte aufzuzeigen, wie sich Epidemien verbreiten. Funktioniert hat das nun offenbar auch bei sprachlichen Entwicklungen und den Forschern gelang es, die Evolution der Indogermanischen Sprachfamilie anschaulich nachvollziehen. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse am vergangenen Dienstag im bekannten Wissenschaftsjournal Science.

Während ihrer Arbeit fand das Team um  Quentin Atkinson Ähnlichkeiten in hundert verschiedenen Sprachen, die von Island bis Indien gesprochen werden. Dieser Umstand facht nun erneut eine heftige Debatte an. Vorrangig wird derzeit ihr Ursprung diskutiert und was man aus deren Verbreitung und Evolution über die ersten Menschen lernen kann.

Kontroverse über Verteilung: Nomaden vs. Landwirtschaft

Die meisten Anhänger findet die Theorie, dass Nomaden die Sprachen vor 5000 bis 6000 Jahren, also im Bronzezeitalter, verbreiteten. Sie benutzten Pferd und Rad, um im Osten und Westen, nördlich von Kaspischen Meer auszuströmen. Dort liegt heute die Ukraine. Eine andere Gruppe Wissenschaftler vertritt die Auffassung, nicht das Pferd, sondern die Landwirtschaft habe eine zentrale Rolle in der Verteilung von Sprachen gespielt. Sie führen den Ursprung der hundert Sprachen auf die Türkei vor 8 000 bis 9 500 Jahren zurück.

Die jüngst Studie erschienene Studie unterstützt letztere Theorie. Die Forscher bedienten sich dabei einer riesigen Datenbank aus weit verbreiteten alten und neuen Wörtern, die bis in die Türkei zurückzuverfolgen waren. „Dies ist einer der Schlüsselfälle, in dem Landwirtschaft als eine wichtige treibende Kraft die Entwicklung der Sprachenvielfalt mitbestimmt“, erklärt der Hauptautor der Studie, Quentin Atkinson. Er ist Evolutionspsychologe an der Universität von Auckland in Neuseeland. „Die Ergebnisse stützen sich sowohl auf archäologische, wie auch auf genetische Befunde. Diese weisen darauf hin, dass die frühe Migration von Menschen, die Verbreitung von Landwirtschaft anregte.“ (in der Türkei gibt es derzeit Bestrebungen ein eigenes Wörterbuch für Gebärdensprache zu entwickeln – mehr hier)

Entwicklung von Arten und Menschen: „kuriose Parallelen“

„Es war nicht so, als ob alle Jäger Europas über den Zaun geguckt hätten und
sahen, dass ihre Nachbarn etwas anbauten und sich daraufhin entschlossen es ihnen gleichzutun“, erläutert der Wissenschaftler. Es habe eine richtige Bewegung gegeben. Und die Sprachentwicklung zeige, dass ebenfalls eine kulturelle Bewegung stattgefunden habe. Die Jäger nahmen nicht nur den Pflug auf, sondern gleichermaßen die Kultur und Sprache (im Zusammenhang mit der türkischen Schulreform soll jetzt auch Kurdisch unterrichtet werden – mehr hier). Methoden aus der Epidemiologie zu verwenden, mache von daher Sinn, da eine große Ähnlichkeit in der Evolution von lebenden Wesen und lebenden Sprachen bestehe. Schon Darwin spricht in seinen beiden Werken „Über die Entstehung der Arten“ und „Die Abstammung des Menschen“ über „(…) diese kuriosen Parallelen“.

Biologen verfolgen die Wurzeln einer globalen Pandemie, indem sie Proben an unterschiedlichen Orten nehmen und die DNA sequenzieren. So können sie die Entwicklung kartographieren. Sobald es einen Stammbaum gebe, könne man diesen folglich bis an den Ursprung zurückgehen. Den gleichen Ansatz hätten sie für Sprachen benutzt. Erst habe das Team eine Datenbank aus einander ähnelnden Wörtern zusammengestellt. Die Ähnlichkeit des Wortes Mutter zum Beispiel ist fazinierend. „Moeder“ heißt es auf Dänisch, auf Spanisch „madre“, „mat“ auf Russisch, „mitera“ auf Griechisch und „mam“ in Hindi. Danach hätten sie einen Stammbaum für die Sprachen aufgestellt. Es findet eine Einordnung in Zeit und Ort statt. Dazu kommt ein Bericht über Auftauchen und Verschwinden artverwandter Wörter.

„Dies stellt einen großen Durchbruch dar“, schreibt der Archäologe Colin Renfrew von der University of Cambridge in einem Begleitartikel der Science. Doch davon ist noch längst nicht jeder überzeugt. „So vieles an der Studie wurde willkürlich ausgelegt“, findet etwa Victor Mair, ein Experte für die chinesische Sprache an der University of Pennsylvania. Das Modell Atkinsons basiere auf logischen Sprüngen, wenn es um die Entwicklungsrate von Sprachen und wie sie ausstreuen würden, gehe.

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