Bildungsreform: Türkische Schulen sind nicht ausreichend vorbereitet

Schon bei der Verabschiedung im Parlament hatte die 4+4+4 Schureform für Aufruhr gesorgt. Nun, wenige Monate, bevor die Reform umgesetzt wird, gibt es erneut Unstimmigkeiten. Denn Bildungsexperten und Eltern sind der Ansicht, dass das Bildungssystem noch gar nicht genug Maßnahmen ergriffen hat, um die umfangreiche Reform bis März kommenden Jahres zu verwirklichen.

Die umfassende Reform beinhaltet die Erhöhung der Schulpflicht von acht auf zwölf Jahre. Dabei besteht die Schulzeit aus vier Jahren Grundschule, vier Jahren Mittelschule und weitere vier Jahre bilden die Oberschule, wobei diese Zeit auch in Form einer Fernschule absolviert werden kann. Außerdem wird das Schuleintrittsalter von 72 auf 60 Monate verringert. Schon allein dieser Umstand könnte die Schulen im kommenden Jahr vor ein großes Problem stellen, denn die Zahl der Schulanfänger würde sich damit auf einen Schlag verdoppeln (zudem sollen die Schüler künftig auch noch mehr Sport treiben – mehr hier).

Die Unterteilung des Schulsystems in drei Abschnitte hat zudem vor allem säkuläre Kräfte in der Türkei verärgert. Da es bisher keine Mittelstufe gab und die Grundschule bis zur achten Klasse dauerte, konnten Schüler die religiösen Imam-Hatip-Schulen erst mit Beginn der Oberstufe besuchen. Nun wird es ihnen jedoch möglich sein, schon die Mittelstufe auf einer solchen Schule zu absolvieren.

Vorwurf: Türkische Schulkinder als Versuchskaninchen

Ein Istanbuler Schuldirektor erklärt der Tageszeitung Zaman, dass nach derzeitigen Schätzungen aufgrund der Reform rund 70 Kinder auf eine Schulklasse fallen würden. „Diese Kinder werden eine Versuchskaninchen-Generation sein“, kommentiert er die katastrophale Situation. Zudem seien die Lehrpläne noch gar nicht ausgearbeitet. „Was sollen wir mit diesen Kindern machen. Sollen wir ihnen Geschichten vorlesen?“, so der Direktor, der nicht namentlich erwähnt werden will.

Der Verband für Bildung und Wissenschaft (Eğitim Sen) veröffentlichte kürzlich einen Bericht, der der eine Zusammenfassung der Probleme beinhaltete, die aufgrund der Reform entsünden. Auch der Verband bemängelte, dass die Zahl der Schulanfänger um 75 Prozent steigen werde, jedoch keine neuen Klassen vorgesehen seien. Allein neue Imam-Hatip-Schulen seien gegründet worden. Doch selbst Unterstützer der Reform sind sich bewusst, dass die Schulen nicht auf die neue Situation vorbereitet sind. Die Umsetzung der Reform ist offensichtlich übereilt. Noch nicht einmal die sanitären Anlagen sind für Kinder, die mit fünf Jahren kleiner sind als die bisherigen sechsjährigen Schulanfänger, geeignet. Sie sind schlichtweg viel zu hoch. Derzeit bleibt die Politik der breiten Kritik noch eine Antwort schuldig (in Griechenland geben Eltern enorm viel Geld für zusätzliche Bildung aus – mehr hier).

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