Armenischer Genozid in Frankreichs Schulbüchern: Türkei sieht schwere Provokation

In den französisch-türkischen Beziehungen kommt es zu erneuten Spannungen. Grund ist ein ein altbekanntes Streitthema: Der Völkermord an den Armeniern. In französischen Schulbüchern wird darüber nun in einem eigenen Kapitel berichtet. In der Türkei wird das als schwere Provokation gewertet.

Der Vorsitzende des Bildungskomitees des türkischen Parlaments beschuldigt die französische Regierung mit der Aufnahme des Genozids an den Armeniern in die Geschichts- und Geografiebücher der Oberschule „Samen des Hasses zu pflanzen“.

Nabi Avcı, der Vorsitzende der nationalen Kommission für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, sagte der türkischen Tageszeitung Today’s Zaman in einem Telefoninterview an diesem Montag, dass „die Erosion der französischen Kultur und die Bewegung in eine radikale Richtung der französischen Politik schon mit dem ehemaligen Präsidenten, Nicolas Sarkozy, begann“. Jetzt setzten sich die negativen Auswirkungen auf das französische Bildungssystem fort. Er jedenfalls hoffe, französische Intellektuelle würden ihre Stimme gegen eine derartige Provokation erheben. Die gerade erst wiederaufgenommene Beziehung zu Paris könnte sonst erneut leiden.

Französische Schüler werden von nun an, wenn sie sich mit der Weltgeschichte seit 1910 befassen, ein Kapitel mit dem Titel „Genozid an den Armeniern“ lesen. Erst Anfang Juli dieses Jahres bestätigte Frankreichs Präsident François Hollande gegenüber Vertretern der armenischen Gemeinschaft, dass er plane ein neues Gesetz hervorzubringen, welches die Leungung des Völkermords an den Armeniern 1915 durch das Osmanische Reich unter Strafe stellt (damit widersprach er Außenminister Fabius – mehr hier).

Die türkisch-französische Beziehung hatte sich seit vergangenen Februar wieder regeneriert, nachdem das französische Verfassungsgericht ein derartiges Gesetz als Widerspruch zur Redefreiheit bewertete (damals kündigte Sarkozy an, nicht aufgeben zu wollen – mehr hier). Im Dezember zuvor hatte die Türkei alle wirtschaftlichen, politischen und militärischen Treffen mit Frankreich abgesagt, nachdem das französische Parlament für den Gesetzesentwurf gestimmt hatte.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Juli berichtete der französische Außenminister, es  sei unwahrscheinlich, dass man das Gesetz wiederaufnehme. Sein türkischer Amtskollege kündigte daraufhin eine wärmere Phase der Beziehung zu Frankreich an (mehr hier).

Armenien und der Großteil der Historiker bezeichnen das Töten der 1,5 Millionen Armenier in der heutigen Osttürkei während des Ersten Weltkrieges als geplanten Genozid durch die osmanische Regierung. Die Türkei hingegen vertritt die Auffassung, dass es schwere Verluste auf beiden Seiten gegeben habe. Armenische Partisanen unterstützten die russischen Truppen und kämpften daher nicht auf der Seite der Türkei. Das Osmanische Reich fiel nach dem Krieg zusammen. Die darauffolgende türkische Regierung und ein großer Teil der Bevölkerung versteht die Anschuldigung, es habe ein Genozids stattgefunden, als Beleidigung.

Genozid-Kapitel wird auch in Frankreich kritisch gesehen

Auch Stimmen in Frankreich sprechen sich gegen das neue Buchkapitel aus. So zum Beispiel der französische Generalsekretär des Rates der Geschichts- und Geographielehrer, Hubert Tison. Er empfindet das Kapitel, das sich mit Einzelheiten des Genozids beschäftigt, als überflüssig. Es werde die ethnische Struktur des Osmanischen Reiches, die Regierung von Talat Pasha, die Politik der nationalistischen Türken und der Exilanten erläutert. Zudem wird die Anzahl der Armenier aufgeführt, die getötet wurden und ins Exil flüchteten.

Die Türkei hatte gehofft, die Wahl Hollandes würde bedeuten, dass sich Frankreich offener als unter seinem Vorgänger, dem konservativen Sarkozy, für einen EU Beitritt der Türkei zeigen würde. Bisher gab es jedoch keinerlei öffentliche Unterstützung zu diesem Thema aus Paris (mehr zu der Enttäuschung derTürkei bezüglich der EU-Beitrittsverhandlungen hier)

Beamte des türkischen Bildungsministerium gaben an, sie müssten sich das Buch erst einmal genau ansehen. Es sei zu prüfen, ob es diskriminierende Aussagen gebe. Die Türkei werde auf der Linie von internationalen Gesetzen und ausschließlich auf diplomatischen Wegen antworten.

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