Türkei: Private Sicherheitsfirmen stellen fast eine ganze „Armee“

Weltweit stieg die Anzahl der privaten Sicherheitsfirmen in den letzten Jahren stark an. Und Staaten geben damit Stück für Stück ihr Gewaltmonopol ab. Besonders in Städten steigt die Nachfrage an den privaten Dienstleistern. So auch in der Türkei.

Die 217 000 privaten Sicherheitskräfte der Türkei seien zahlenmäßig vielen Armeen überlegen. Das berichtet Bülent Perut, Vorsitzender der Private Security Associations Federation. Es wären mehr Menschen involviert als die Einheiten Österreichs, Belgiens, Portugals, Hollands, Norwegens und Tschechiens zusammengenommen zu bieten hätten.
Und die rasch voranschreitende Urbanisierung werde die Anzahl noch weiter ansteigen lassen.

„Es gibt keine genauen Statistiken bezüglich der Wirtschaftskraft des Sektors, aber wir schätzen sie auf drei bis sechs Milliarden US-Dollar“, so der Vorsitzende in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Anatolia News vom 28. August dieses Jahres.

In der Türkei besitzen 886 000 Personen ein privates Sicherheitszertifikat, das eine entsprechende Ausbildung garantiert. Etwa 604 000 dieser Menschen haben ebenfalls eine Sicherheitsausweis, der es ihnen ermöglicht als Wächter zu arbeiten. Perut berichtet gegenüber der türkischen Tageszeitung Hürriyet in einem Telefoninterview, dass jedoch viele der Angestellten einen anderen Job vorziehen würden. Denn die Löhne seien niedrig und es gebe wenig soziale Rechte im Sicherheitssektor.

Anteil der bewaffneten Sicherheitsangestellten bis zu 30 Prozent

Momentan gibt es 1 430 private Sicherheitsfirmen in der Türkei und 737 Ausbildungscenter, das besagt eine Statistik des Security Headquarters’ Private Security Department. Die Anwärter erhalten das Zertifikat für den unbewaffneten Einsatz nach 90 Stunden Ausbildung. Um auch auch Waffen bei der Arbeit tragen zu können sind 30 weitere Trainingsstunden nötig. Es gibt keine genauen Daten aus der Branche. Aber Perut schätzt den Anteil der bewaffneten Sicherheitsangestellten zwischen 25 und 30 Prozent.

Der Anstieg von privaten Sicherheitsfirmen sei eng mit der Urbanisierung verknüpft. Einhergehend mit der Tendenz in kleineren Familien zu leben, gibt es eine erhöhte Nachfrage an sicheren Wohngelegenheiten. Folglich würden etwa 60 Prozent der Sicherheitsmänner in den Städten, vor allen Dingen, in Istanbul arbeiten. Dadurch werde auch die Polizei entlastet (der türkische Gesundheitsminister mahnte erst kürzlich vor übertriebenem Pfeffersprayeinsatz – mehr hier). Sie müsse sich weniger mit bürokratischer Arbeit herumschlagen oder mit dem Bewachen von Brücken oder Staudämmen. Somit könne sie ihren Hauptaufgaben nachgehen (vor einigen Wochen geriet ein Beamter jedoch außer Kontrolle – mehr hier).

Das Wachstum im privaten Sicherheitssektor erlebte nach dem 11.September 2011 einen enormen Aufschwung in den USA und innerhalb der Europäischen Union. Nun werden Sicherheitsunternehmen auf der ganzen Welt gegründet. „Seit den Anschlägen am 11. September hat sich die Sicht der Menschen auf private Sicherheitsfirmen und auf nationale Sicherheit grundlegend verändert. Und das lässt sich in allen Lebensbereichen fühlen“, erklärt Perut den anhaltenden Boom. Der private Sicherheitssektor würde zudem den türkischen Arbeitsmarkt mit der Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen entlasten. Zudem würde er sowohl die Textil- als auch die Tourismusbranche unterstützen. Daher fordert Perut auch mehr Unterstützung von der Regierung.

Mangel an Transparenz und staatlicher Kontrolle

„In einem Land, das in der Lage ist dem Internationalen Währungsfond ein Darlehen zu gewähren, wollen wir von den staatliche Banken einen Langzeitkredit mit niedrigen Zinsen. Zudem wünschen wir uns eine Zusammenerbeit mit Social Security Institution und dem Finanzministerium. Mit dieser Unterstützung wäre unser Sektor in der Lage noch mehr zu wachsen.“ Er fügt hinzu, dass die Unternehmen gründlich überprüft werden würden. Denn vor einem Einsatz würden alle Konditionen schriftlich auf beiden Seiten festgehalten. Doch ob diese Vorkehrungen ausreichend sind, wird von vielen Seiten in Frage gestellt. Die zunehmende Verbreitung von privaten Militärdienstleistern wird besonders von vielen Politikwissenschaftlern kritisiert und auf seine Auswirkungen hinterfragt. Bedenklich sei der Mangel an Transparenz und staatlicher Kontrolle.

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