Türkischer Songcontest „Bir Şarkısın Sen”: Sind die Teilnehmer viel zu jung?

Ein wöchentlich im türkischen Fernsehen ausgestrahlter Songcontest sorgt derzeit für Diskussionsstoff im Land. Der Vorwurf: Die teilnehmenden Kinder seien gekleidet wie Erwachsene und sängen zudem bis in die späten Abendstunden hinein Stücke, die eigentlich nicht für sie geeignet wären.

Die Sendung mit dem Titel „Bir Şarkısın Sen” hat türkischen Medienberichten zufolge mittlerweile unter anderem Pädagogen sowie türkische Kinder- und Familienverbände auf den Plan gerufen. Sie kritisieren das Format scharf und werten es gar als eine Art von „Kindesmissbrauch”. Ein entsprechendes Appell an die Behörden, die Sendung zu verbieten, solle es ebenfalls bereits geben. Der Songcontest „Bir Şarkısın Sen” richtet sich an Kinder im Alter zwischen sechs und 15 Jahren. Ihre Aufgabe: Stücke von bekannten (erwachsenen) türkischen Künstlern präsentieren.

Fragwürdige Präsentation vor Millionenpublikum

Als Wettbewerb im eigentlichen Sinne wolle der Sender, so heißt es weiter, die TV-Show allerdings gar nicht verstanden wissen. Kleine Kinder zu etwas zu drängen oder sie in eine Gesangskarriere hineinzuzwängen, sei jedenfalls nicht die Intention. Doch so einfach scheint es für viele Zuschauer nicht zu sein. Kritiker der Sendung weisen darauf hin, dass die Teilnehmer weder ihre physische noch ihre psychische Entwicklung bereits abgeschlossen hätten. Dennoch würden sie ihre Körper und ihr Talent vor einer TV-Kamera und letzten Endes vor einem Millionenpublikum in fragwürdigen Outfits und jeder Menge Makeup vorführen, die so gar nicht ihrem Alter entsprächen. Neben dem Gesang würde zudem von den Teilnehmern erwartet zu tanzen und die Zuschauer zu unterhalten (beliebt ist hingegen die Kulturolympiade – mehr hier).

Gerade dieser Punkt ist für Yasemin Çoban, stellvertretende Vorsitzende und Vorstandsmitglied der Vereinigung für den Schutz und die Unterstützung von Familien (AKODER), entscheidend. Sieben- oder Achtjährige würden sich hier wie Erwachsene geben. Sie ist überzeugt, dass Kinder in diesem Alter sich selbst nicht so sehen würden. Sie geht davon aus, dass sie entsprechend darauf trainiert wurden. Für sie steht fest: Der Wettbewerb stört die körperliche, geistige und auch die psychische Entwicklung von Kindern.

ATV erntete schon einmal Kritik vom RTÜK

Neu ist das Format übrigens nicht. Erstmals wurde „Bir Şarkısın Sen” im Jahr 2009 ausgestrahlt. Eine Verwarnung von ATV durch den Radio- und Fernsehrat (RTÜK) hinsichtlich Stil und Inhalt des Programms gab es auf Grund zahlreicher Beschwerden aus der Bevölkerung ebenfalls. Die Folge: Die Sendung wurde eingestellt. Doch schon kurze Zeit später tauchte das Format erneut auf. ATV hatte lediglich einige kleine Änderungen vorgenommen.

Ähnlich wie bei deutschen Castingshows werden die Teilnehmer aus dem ganzen Land zusammengetragen und präsentieren sich dann in einer wöchentlichen Show, wo ihre Leistung dann von bekannten Sängern bewertet wird. Einige Kritiker haben mittlerweile eine Internet-Kampagne gestartet, die sich „den Kampf gegen die Ausbeutung von Kindern in TV-Shows” auf die Fahnen geschrieben hat. Sowohl auf Facebook als auch auf Twitter sind sie in Gruppen wie „Çocuk İstismarına Hayır” oder „ATV Çocuk İstismarına Son Ver” aktiv. Sie fordern derzeit sowohl RTÜK als auch das Ministerium für Familie und Soziales auf, etwas gegen die Sendung zu unternehmen.

Auch in Deutschland hagelte es im vergangenen Mai Kritik vom Deutschen Kinderschutzbund an der neu gestarteten RTL-Show „DSDS Kids”. Wie das Hamburger Abendblatt seinerzeit berichtete, habe der Kinderschutzbund die hohe Zahl an Verlierern und das zu hohe Arbeitspensum für die Kleinen moniert. Laut Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers hätten sich Regie und die Beteiligten zwar „große Mühe gegeben, die Kinder zuvorkommend und freundlich zu behandeln”, letztlich sah aber auch er eine Instrumentalisierung der Kinder für die Quote.

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